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Sonntag, 26. Februar 2012

Vom Wachsen





Wortlos teilten die Schwestern ihre Einkäufe auf dem wackligen hölzernen Küchentisch. Auf den ersten Blick hätte man meinen können, der Tisch sei ein Fließband und die beiden Mädchen Fabrikarbeiterinnen mit Haarnetzen anstatt Mützen, so präzise waren ihre Bewegungen.
An beiden Enden des Tisches türmten sich bereits die Einkäufe, die, mit ganz wenigen Ausnahmen, eigentlich identisch waren.


Braeburn Äpfel (beide), Bäckertüten – Form und Größe nach zu urteilen wohl zwei bis drei Brezen (beide), Joghurt (links drei Natur, rechts drei Erdbeere, selbe Marke), Milch (beide, selbe Marke, jeweils zwei Packungen), Espresso (beide, selbe Marke, kleine Packung), Grapefuitsaft (links), Mandarinen (beide, jeweils ein ganzes Netz), Frischkäse (links eine bekannte Marke, fettarm, rechts die günstigere Variante, ebenfalls fettarm), Poppadom (rechts), Shrimps in Salzlake (beide, selbe Marke, mit MSC Siegel), Weißkohl (beide), Eisbergsalat (beide, jeweils ein Kopf), Erdnüsse mit Schokoladenüberzug (links, bekannte Marke), Karotten (beide), Dosenmais (beide), Weizenmehl Typ 405 (rechts).


Nachdem alles geteilt wurde machten sie sich daran, mit derselben Präzision sämtliche Utensilien in der Küche zu verstauen. Auch hier schienen sie ihre Gebiete abgegrenzt zu haben, wenn auch für den Nichteingeweihten weniger deutlich in links und rechts unterteilt.
Schließlich sahen sie sich gründlich um, überprüften die leeren Einkaufstüten ein letztes Mal, dann nahm die Ältere zwei der gerade erst eingeräumten Joghurtbecher (einen Natur, einen Erdbeer) aus dem Kühlschrank und zwei Löffel aus der Besteckschublade. Die Jüngere nahm ihren (Natur) mechanisch entgegen, fast ohne hinzusehen, und griff gleichzeitig in ein Vorratsregal, um den Honig zu holen.


Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer, wo sie den Fernseher anschalteten. Stumm löffelten sie ihre Joghurts als die Jüngere plötzlich innehielt und ihre Schwester mit dem Ellenbogen anstieß. Die schreckte auf und sah sie verwirrt an. Unsicher hob die Jüngere ihren Löffel mit feinen Honigfäden und glänzend weißem Naturjoghurt aus dem Becher und bot ihn ihrer Schwester zum Probieren an. Diese neigte sich misstrauisch, zögerlich, langsam vor, ihre Augen wanderten nervös zwischen dem Gesicht der Anderen und dem Löffel hin und her, bis sie schließlich, in einer schlangenschnellen Bewegung, zuschnappte.




Wir haben nie gelernt
in die Dimension zu wachsen,
wir kennen nur Richtungen.


Das Vor und Zurück der Schritte,
das Auf und Ab der Stimmungen.


Wir haben nie verstanden
das Loslassen zu umarmen,
wir hängen so an der Einheit.


Haut eng an Muskeln eng an Skelett,
allein Haare, getrimmt, strecken sich.


Irgendwann, wenn wir erschöpft nachgeben,
erkennen wir uns im Atem, im Geruch, im Blickfeld,
wir geben das Wachsen auf und weiten uns, aneinander, ineinander,
fort.

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