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Sonntag, 12. Februar 2012

Müdesein für Anfänger



Manchmal, nach tage- und nächtelangen Schichten, musste sie sich einfach fragen: -


Sie verlor die Frage und nahm ihre Zahnbürste, die noch immer feucht war. Eine inhaltslose Geste. Eine zweite: sie machte sich Kaffee. Sie vergaß den Kaffee und betrachtete einen Bildschirm. Sie erschrak, wenn ihr Mann, der in ihrer Erinnerung verblasst war, heimkam. Sie nahm dankbar die Körperwärme seiner Umarmung entgegen.
Er bemerkte nichts, außer vielleicht ihren längeren, kindlichen Blick, die Behutsamkeit ihrer Bewegungen, die Bedächtigkeit ihrer Sprache. Er dachte wohl: „Sie muss müde sein.“ Ohne seinen Gedanken zu verstehen.


An wachen Tagen versuchte sie, ihre Müdigkeit in Worte zu fassen. Sie fand nur „atemlos“. Und das, obwohl sie dann nichts bewusster tat, als zu atmen.




Es gibt Tage, an denen alles schärfer ist als sonst.
Licht, ja, Luft, ja, aber darüber hinaus:
die Dinge selbst sind klarer und definierter.
Die Laterne wie der Baum wie die Frau
spannen jede einzelne Faser ihrer Körper an,
ziehen all ihre Atome dichter zusammen.
Models, die darauf warten, dass deine Netzhaut ihr Bild aufnimmt.


Es sind müde Tage.
Schlaf kennt keine Zahlen.
Der Albtraum hat keinen Plural.


Die kühle Umarmung der Müdigkeit
umgibt dich an diesen Tagen.
Sie wiegt dich sanft und singt
Schlaflieder von deutlicheren Bildern.






Anmerkung: "Müdesein für Fortgeschrittene" findet ihr übrigens in "Utopia eines müden Mannes" (Das Sandbuch) von Jorge Luis Borges.

Kommentare:

  1. Sein Unterbewusstsein hatte direkt auf die neue Bedrohung reagiert. In der Geborgenheit eines Traums strampelnd, hatte er in der vergangenen Nacht festgestellt, dass er seine Unterarme verloren hatte, dass sie ihm wie auch immer abhanden gekommen und durch schwarze metallische Stumpen ersetzt worden waren, mit denen er nur mühsam etwas greifen konnte. Beim Filmen hatte er seiner Sucht nach Schönheit noch ungehindert nachgehen, die Bilder bis ins Detail verfolgen, sich von ihnen abstoßen und mit der kleinsten Assoziation zum nächsten zurückschwingen können. Das Schreiben hingegen empfand er als eine niemals enden wollende Bruchlandung bei der sein Kinn kilometerweit über den Asphalt schrappte. Bis sein ganzes Wesen schlussendlich aufgelöst in einen halbgeöffneten Aufmerksamkeitskanal hinabsickerte und er es dort als Haufen glühender Kommafehler treiben lassen durfte, in der Hoffnung, dass sich dabei etwas ungewöhnliches ergab. Kontrolle machte in diesem schäumenden Abwasser keinerlei Sinn. Sogar noch weniger als das. Die fixierte Schrift war den hektisch flackernden Klärwerken der vernetzten Computer so schutzlos ausgeliefert, wie. Er beendete seinen Satz nicht.

    Er sitzt mit seiner Rotweinflasche etwas gebückt an seinem antik aufgeplusterten Schreibtisch. Er sitzt nun schon seit einigen Stunden so da und starrt auf den Monitor seines vergilbten Macbook. An der Wand vor ihm hat er ein kleines Triptychon aus Büchern aufgestellt, um seine Motivation zum Scheißetauchen in der Sprache etwas festzunageln.

    Jacques-Yves Cousteau - Haie. Herrliche Räuber der See
    Haruki Murakami - Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede
    André Breton - Anthologie des schwarzen Humors

    Wie bringt man Gott zum Lachen? Mache einen Plan. Ein alter jüdischer Witz. Aber so konnte man doch nicht arbeiten...

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  2. PS. Schreibblockade überstanden. Pardon, dass ich das hier unter deinen hübschen Text abgeladen hab. Dachte, du kennst vielleicht ein gutes Hausmittel. Der Humor geht dann leider immer als erstes flöten. Barton Fink ist nichts dagegen ;-)

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  3. Ach was, ich fand das gar nicht schlimm. Sehr hübsche Zitate. Leider vielleicht etwas postmodern, aber man kann ja (fast) nie alles haben.
    Herzlichen Glückwunsch zur überwundenen Blockade. Bei mir warst du leider ganz falsch - wenn ich ein Mittel dagegen hätte, würde ich meinen Blog wohl nicht nur 2mal im Monat updaten. Also, Hausmittel, bitte?

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  4. Ähem. Also. Angenommen die Postmoderne hätte irgendwas mit der Blockade zu tun, dann wäre sie wohl die gedankliche Verengung des Ego in Richtung des Zitierens. Auch, wenn das so jemand wie Paul Auster recht virtuos beherrscht, so spielt bei ihm ja zum Beispiel die „Musik des Zufalls“ eine gleichbedeutend große Rolle. Den Zufall kann ich persönlich wiederum am besten ins Herz schließen, wenn es gut mit... der Meditation klappt. Vielleicht mal zwei, drei Wochen in einen Ashram? Aber du achtest ja scheinbar schon auf deine Atmung...

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  5. Ansonsten: Eine Leiche zum Dessert.

    Für mich die visuelle Krönung der Postmoderne. :)

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  6. Die Postmoderne ist tot. Hoffentlich. Bald.
    David Foster Wallace und ich haben ihr den Kampf angesagt und mich kriegt sie nicht so leicht. Wobei ich natürlich, leider, auch nicht so wichtig bin. Kein Bauern-, sondern ein Damenopfer, sozusagen. Sehr schade.

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  7. That being said, ich bin leider immer noch blockiert, wie du siehst. In solchen Momenten ertappe ich mich dabei, wie ich mit der Postmoderne liebäugle. Das lasse ich mir dann kurz durchgehen, bevor ich mir auf die Finger haue.

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  8. Seit wann definiert sich die Postmoderne denn ausschließlich über die Intertextualität? Sicherlich ist sie ein wichtiger Aspekt der Postmoderne, aber nicht der einzige. Und unabhängig davon bin ich persönlich ohnehin nicht der Freund von akademischen Begriffen und Konzepten, die den Blick auf Literatur (oder als Folge dessen gar die Produktion derselben) einengen. Und nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Gewisse Begriffe und dazugehörige Konzepte erfüllen einen Zweck und dementsprechend ist es auch in Ordnung, dass sie existieren und genutzt werden, keine Frage. Die Frage ist wohl eher, was passiert, wenn der Fokus zu sehr auf diese gelegt wird, wie wirken sie (spätestens bei exzessivem Gebrauch) auf unser Verständnis von Literatur, können wir Literatur überhaupt noch "lesen", auf uns wirken lassen, ohne gleich mit Begriffen und Interpretationen um uns zu werfen (was, wie gesagt, definitiv auch einen Sinn und eine Daseinsberechtigung hat)? ... Vielleicht spinne ich nur wieder was rum, in dem Fall entschuldige ich mich, aber das wollte ich mal loswerden.

    Und damit ich es nicht vergesse: Lob für deine Texte, die ich, so ganz nebenbei, der Postmoderne zuordnen würde, wenn ich müsste. Muss ich aber nicht, also ist es für mich einfach gute Literatur. Nicht mehr und nicht weniger. Weiter so.

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  9. Ich stimme dir in allen Punkten zu. (Habe ich irgendwo Intertextualität erwähnt? Ich finde nichts in der Richtung und kann mich auch nicht entsinnen. Bin mir jedenfalls durchaus darüber im Klaren, dass das nur ein Aspekt der Postmoderne ist.)

    Genau wie du finde ich es schade, dass die ominöse Ms. "Postmoderne" und das, was sie nach sich zieht, das Leseerlebnis oft schmälert.
    Ich persönlich glaube, dass postmoderne Autoren (zu denen ich mich nicht zähle) vor der Größe der Vergangenheit in die Knie gehen. In Anbetracht des schier unmöglichen Unterfangens, etwas zu produzieren, was dem standhalten kann, beschränken sie sich darauf, es umzubauen und diesen Umbau oft als Hauptaugenmerk des Textes zu gestalten - selbstreferentiell trotz der vielen Fremdreferenzen. Das kann, wenn es gut gemacht ist, sehr ästhetisch, unterhaltsam und interessant sein, ist aber ultimativ und by definition unbefriedigend.

    Der postmoderne Leser ist so getrimmt auf das Finden und (mehrfache, nie endgültige) Auslegen der Hinweise, dass er die Ästhetik und inhaltliche Aussage des Textes gerne übersieht oder gleich ignoriert und der ironischen Pastiche zuschreibt. Das hast du ja auch schon bemerkt und bemängelt.

    Sprache ist Zeichen und Symbol, ja, aber ich will nicht mehr im hermeneutischen Zirkel herumkreiseln. Ich will sie nutzen, diese Zeichen, so vorbelastet, relativ und isoliert bedeutungslos sie auch sein mögen. Vielleicht sogar deswegen. Ich will nicht aufhören, etwas inhaltlich sagen zu wollen, nur weil es schwierig ist.

    Dass du meine Texte magst freut mich sehr. Und Genre liegt ja immer auch zum Teil im Auge des Betrachters, insofern darfst du sie zuordnen wem oder was du möchtest. Aber du musst natürlich nicht.

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  10. Übrigens, sollte ich dir oder anderen Freunden der Postmoderne mit meinen Kommentaren auf den Schlips getreten sein, so tut mir das sehr leid. Ich wollte damit eigentlich nur sagen, dass ich persönlich nicht viel mit diesem Genre anfangen kann. Das soll aber nicht heißen, dass ich das Lesen postmoderner Texte generell missbillige (solange ich es nicht machen muss).
    Lesen ist schön.

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  11. Huch. Das radikal Subjektive des Surrealismus ist mir nach wie vor das Liebste. Letztens erst die Ausstellung „Sammlung Prinzhorn“ in Heidelberg besichtigt und wieder mal gedacht - Ja, so geht das. Der knirschende Unterschied zwischen Individuum und Gesellschaft in Form gegossen und erfolgreich ästhetisch verteidigt. Mehr ist gar nicht gefragt. Die Form bleibt offen, Moral als Hülse, die es immer wieder zu sprengen gilt.

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  12. Gut gebrüllt, Löwe!
    Unterschreibe ich hiermit. Surrealistischst.

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