Mittwoch, 26. Dezember 2012
Warum Menschen, die in der U-Bahn nur eine Tür aufmachen, in die Hölle kommen
(und andere Wutwecker)
Eine objektiv junge Frau mit wirren langen blonden Haaren schreitet, Kamm gezückt, auf die U-Bahn zu. Ihre tief sitzenden, umschatteten (daher subjektiv nicht mehr ganz so jungen) dunklen Augen starren konzentriert – sie weiß um die Wichtigkeit des Moments. Die ohnehin schon schmalen Lippen zu einer einzigen langen (subjektiv alten) Falte zusammengekniffen schwenkt sie die Rechte, in der sie den Kamm wie ein Zepter umklammert hält, kurz in die Luft, um mit der Linken die Tat zu vollbringen.
Der U-Bahntürgriff empfängt sie kühl. Ein hohes Rechteck aus matt glänzendem Metall, das sich sanft in die Wölbung eines kleineren Recktecks neigt, in welchem der lange, schlanke Türgriff liegt. Nach unten hin auslaufend, so um einen Mittelpunkt spielend, ist er wie ein Uhrzeiger, der stets nur die volle Stunde oder zehn vor anzeigt. Achsensymmetrisch gespiegelt: sein Zwilling zehn-nach.
Die Frau legt die linken Zeige- und Mittelfinger seitlich an die kühle, weniger als einen Zentimeter starke Metallplatte. Der Daumen legt mühelos den Griff auf zehn-vor, die linke Tür springt zischend auf, und das war der Startschuss.
Für sie: mit einem langen, erhabenen Schritt in die U-Bahn zu steigen.
Für alle anderen, die ursprünglich vorhatten, diese Schwelle in die eine oder in die andere Richtung zu überschreiten: verwirrt und aufgeschreckt die Augen zu rollen, Hände nach dem rechten Türgriff zu strecken, unruhig bald nach links, bald nach rechts zu schwenken, die traditionell schwierige Frage des ein- und aussteigen Lassens neu aufzurollen.
Für mich, die ich nichts mit dieser Szene zu tun habe außer zu beobachten und zu bewerten: der Wutwecker. Schrill und unerbittlich. Er weckt Tote auf.
Menschen, die in der U-Bahn nur eine Tür aufmachen, kommen in die Hölle.
Die Geschichte der mittelalten Frau geht natürlich weiter, aber ich finde meine Protagonistin jetzt bereits zu unsympathisch, um die detaillierte Erzählung fortzuführen, daher füge ich nur hinzu: selbiges gilt für Menschen, die in der Öffentlichkeit Haare kämmen, sich schminken oder gar Parfum auflegen.
Menschen, die auf dem Fahrradweg gehen (und keine Touristen sind). Menschen, die zu zweit (oder gar allein) den gesamten Gehweg einnehmen. Die Krone der Gehwegwutwecker: Menschen, die ihren Hund an der Leine führen und ihm erlauben, den Fahrradweg zu überqueren (einfach bildlich vorstellen). Menschen, die schnippen, um die Aufmerksamkeit der Bedienung auf sich zu lenken. Die Produzenten und Designer (Träger gibt es glaube ich keine) ärmelloser Rollkragenpullover. Menschen, die im Kino klatschen. Die auf der Rolltreppe links stehen. Von der Autobahnspuren und Schwimmbahnaufteilung ganz zu schweigen.
Tom Waits ist der Ansicht, dass alles sowieso in der Hölle endet. Frauen, die heulen, Händler, die schwören, Diebe, die bezahlen wollen, Anwälte, die Mitleid heucheln. Ich wünsche mir, dass er damit nicht Recht hat. Gerne würde ich mir eine Nachwelt mit all diesen Charakteren sowie seinem Gun Street Girl, seinen Rain Dogs, Alice und einem Jockey full of burbon teilen.
Aber wenn ich mir vorstelle, den Rest der Ewigkeit eingesperrt mit meinen Wutweckern zu verbringen – da überlege ich mir schon manchmal, vielleicht mit weniger verheirateten Männern zu schlafen.
Schrei
wenn du musst.
Frust frisst Herzen.
Jene, eisern, scherzen:
Das geht auch vorbei.
Der Mund hat sich am Lächeln
wundgetragen. Unter Schmerzen
streckt und dehnt und reckt er sich,
schmeckt die Laute, leckt die Stärke,
reißt die Seele aus der Kehle,
setzt sie frei:
Schrei
wenn du kannst.
Dienstag, 20. November 2012
Von den Sinnen
Die nächtliche Straße erscheint gleißend hell: das notorisch
flackernde Licht der vereinzelten Straßenlaternen tanzt über den Schnee, umarmt
die Menschen, erklimmt die hohen Häuserwände und springt in den Himmel.
Ein junger Mann packt ein Mädchen am
schneeballschlachtnassen Mantel und wirft sie in die Luft. Sie schreit, oder
jauchzt, der exquisite Moment des Wendepunkts, dann der Fall, und seine Hände
wenige Zentimeter und viele Stoffschichten über ihren Hüften, und das Geräusch seiner Schuhe im Schnee, die
knirschen, Widerstand brechend, gleiten, sein Körper nun in der Diagonale, und
schräger tiefer weiter, seine Arme beschließen, nicht ihn, sondern sie zu
retten und sie legen sich um ihren Rücken, der Fang plötzlich Umklammerung,
ihre linke Hand in seinem Nacken drückt sie seinen Kopf an ihre Brust, ihre
rechte Hand abgestreckt, den Schlag des Bodens erwartend, ihre Beine winden
sich um seine Hüfte, gerade noch rechtzeitig, und so hält sie ihn beinahe
schwebend, als sie gemeinsam aufprallen:
sie, halb kniend, halb kauernd, und die rechte Hand
abgestützt, er, an ihren Oberkörper geklammert und eingeklemmt zwischen ihren
Schenkeln. Für einen Sekundenbruchteil: ein Bild.
Dann keucht sie, gibt ihn frei, er sinkt in den Schnee, ihr
Arm und ihre Beine geben nach, rutschen nach außen, und sie folgt ihm. So
liegen sie, erschrocken kichernd, schwer atmend, als die anderen zu ihnen
laufen.
Wenige Stunden später, am nächsten Morgen, erwacht sie,
verstört. Es ist kein natürliches Erwachen, sie wird aufgeweckt. Ein Geräusch.
Ein Pochen. Eine Weile lang liegt sie so da und lauscht. Verkaterte
Synästhesie: das Pochen kommt aus ihrem Körper. Es entspringt ihrem linken
Knie, das ungewohnt viel Platz unter ihrer Bettdecke einnimmt. Ein Klangraum,
in dem sich das Blut aufbäumt und überschlägt,
um dann in wilden Wellen in ihren Ohren zu branden. Sie hält ganz still
und spürt dem Rhythmus nach. Sonst fühlt sie gar nichts.
Doch irgendwann muss sie sich bewegen und aufstehen. Schon
in dem Moment, als sie den Oberkörper aufrichtet und abstützt, noch ohne die
Beine zu rühren, wird das Rauschen in einem Donnerschlag begraben. Sie hat ihn
erwartet. Ihr Stöhnen klingt fast wie ein Seufzer.
Sie schält ihr Knie aus Bettdecken und Hosenbeinen. Es sieht
aus wie aufgebläht. Nicht verfärbt, nicht aufgeplatzt. Als könnte sie es
vorsichtig mit einer Nadel anstechen und die Luft würde mit einem müden Pfeifen
entweichen. Noch immer auf dem Bett, mit dem entblößten, geschwollenen Knie,
sucht sie nach anderen Schmerzen. Sie findet: der rechte Handballen, das rechte
Knie, das rechte Sprunggelenk. Doch all diese Akteure überlassen dem
Luftballonknie die Bühne.
Sie ringt mit der Panik, die an Rage grenzt, und die sich
aufbäumt wann auch immer ihr Körper sie im Stich lässt. Ein Kampf, den sie in den letzten Jahren immer öfter
gewonnen hat. Tief atmend überlegt sie sich ihre nächsten Schritte ganz genau.
Sie steht auf, nimmt eine Plastiktüte, humpelt zur Hoteltür, schleppt sich,
noch immer in ihrem Pyjama, die Treppen hinunter. Je länger sie aufrecht steht,
desto lauter schreit ihr Knie. Sie sieht und hört nichts von den Menschen im
Foyer, die sie verwundert anstarren und ihr Hilfe anbieten, geht direkt zur
Eingangstür und beugt sich umständlich zu Boden. Sie füllt die Tüte mit ein
paar Handvoll Schnee und Eis und versucht, die Treppen wieder zu erklimmen. Es
geht langsam.
Zurück im Bett befestigt sie die Eistüte mit Tape an ihrem
Knie. Der Chor der Schmerzen verstummt. Sie rüstet sich für den beißenden
Eisschmerz, der nach einigen Sekunden einsetzen müsste, doch er bleibt aus. Sie
beginnt eine Liste mit Dingen, die sie heute, an ihrem letzten Tag vor der Heimreise,
erledigen muss, und eine sinnvolle Reihenfolge, die ihr unnötige Wege erspart.
Sie macht radikale Abstriche. Das Blut unterhalb des Knies fließt kälter. Alles
andere ist taub.
Sie erledigt all ihre Aufgaben langsam und mühevoll. Es ist
ihr unangenehm, die Eistüte in der Öffentlichkeit neu aufzufüllen, wenn der
Inhalt geschmolzen ist. Vielleicht hört ja irgendwer ihre Schmerzen. Am frühen
Abend sinkt sie in ihr Bett, das Knie hochgelegt, matt und wehrlos den
Geschichten lauschend, die ihr Blut ihr erzählt.
Die Zugfahrt und der Flug am nächsten Tag sind am schlimmsten.
Wegen des Gepäcks, wegen der Menschen, wegen des Mangels an Schnee, wegen der
Kraft und Agilität und Lautstärke des Wesens, das sich in ihrem Knie
eingerichtet hat.
Zuhause angekommen hätte sie endlich Coolpacks, stellt aber
fest, dass Eis effektiver ist. Sie fragt sich, ob sie arbeiten kann, und
beschließt: sie kann.
Drei Wochen lang arbeitet sie jeden Tag. Eine abwesend
wirkende, seltsame Gestalt mit schleppendem Gang, ungleichen Beinen, oft
verschwindend, manchmal taub für ihre Umwelt, dabei stoisch und verlässlich.
Ihr Schmerz ist ein Kind, um das sie sich kümmert. Es zieht die Welt dichter
zusammen: alles ist lokal, temporal, in ihr, jetzt. Nur mit Mühe kann sie sich
lösen, sein Wimmern ignorieren, um Listen und Pläne zu machen, um kurz
zurückzublicken auf den Moment des Falls, das Bild, das sie nie sah und das
doch eingebrannt ist in ihren Kopf, dann wird sie zurückgerufen. Menschen, die
nur im Moment existieren, wirken seltsam unpräsent.
Als ihr Job endlich abgeschlossen ist findet sie Zeit, zum
Arzt zu gehen. Dessen Untersuchung und Analyse nimmt sie hin: nicht als
Erklärung für eine Malfunktion, sondern als interessante Erläuterung der
genauen Abläufe eines natürlichen Körpervorgangs. Verdauung, Blutbildung,
Knieschmerzen.
Man könne operieren, aber das sei in dieser Region immer
riskant, und es wäre sicherer, einfach abzuwarten, falls sie die Schmerzen
ertragen könne.
Sie lächelt.
Der Schmerz ist ein einsamer Jäger.
Er flicht seine Beute auf Räder,
die Gräber lässt er dem Geier.
Als unbekannter Vogelfreier
lebt er in den Dingen:
rühr sie, sie erklingen.
Wellen springen, spür sie,
rüste dich und führ sie,
trag den Schmerz in dir
wie ein Kind.
Gebier ihn nie.
Sei kein Jäger.
Anmerkung: Ben, endlich! Ich bin mir nicht sicher, ob es deinen Erwartungen entspricht. Vielleicht ist dieser Stil zu prosaisch für mich. Die Lyrik knabbert unaufhaltsam an allen meinen Buchstabenreihen. Aber es war sehr interessant für mich, ein wenig zu experimentieren und Neues zu wagen. Für die Rezeptidee bin ich dir übrigens sehr dankbar, das steht demnächst sicher auf dem Menü.
Labels:
Realismus,
Transparenz
Donnerstag, 8. November 2012
Von der (Un-)Endlichkeit aller Dinge
Ich stehe an einer stark befahrenen Straße. Autos brüllen an
mir vorbei. So dicht, dass ich sie berühren könnte. So dicht, dass sie mich
berühren könnten.
Ich könnte fallen.
Und Vertigo –
Es gibt Momente, in denen ich stocke. Kleben geblieben in
Zeit und Raum, löse ich mich nur mit Mühe. Konturen verschwimmen und verharren,
regungslos, gespannt. Nie fasse ich die Welt so sehr wie in diesen Momenten, da
sie mir entgleitet.
Und sie staunt. Mich an. Ich lasse sie starren wie eine
Geliebte. Schamlos.
Wir entrücken einander. Die Kluft zwischen dem, was ist, und
dem, was bleibt, blitzt auf für Sekundenbruchteile, für Wimpernschläge. Kaum
Zeit genug für ein Herzstolpern, kaum Zeit genug für ein Seufzen.
Die Distanz zwischen mir und den Dingen. Die Erkenntnis,
dass meine Welt ohne mich nichts ist. Die Erkenntnis, dass die Welt mich
trotzdem überdauert.
Das wilde Zerren, schließlich Losreißen, aller Dinge. Die
Spannung, der Schmerz, der Bruch, die Erleichterung. Das Echo in meinem Kopf: „Auch
noch verlieren ist unser.“
Und wenn die Unendlichkeit dort ist, wo Parallelen sich
schneiden, dann ganz ehrlich – dann will ich da auch gar nicht hin.
Oh Schläfer,
die Welt steht auf mit mir.
Sanft atmend ruhen die Dinge bis ich sie wecke.
Verschrecktes Zucken, verklebte Ringe
unter den Augen, erwachen sie mühsam.
Sie gähnen und fletschen die Zähne.
Ein Spiel: wer hält wen an der Leine?
Beine, meine, deine, kreisen wie im Tanz.
Die Welt steht auf mit mir
und Ende glänzt
an allen Bruchstellen meines Misslingens.
ENDLICH!
Ist alles vorbei.
Wer mir sagen kann, auf welchen Text sich das Gedicht am Ende bezieht, gewinnt irgendwas.
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