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Keine der Personen, die hier beschrieben werden, existiert wirklich. (In deinem Leben.)

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Donnerstag, 8. November 2012

Von der (Un-)Endlichkeit aller Dinge




Ich stehe an einer stark befahrenen Straße. Autos brüllen an mir vorbei. So dicht, dass ich sie berühren könnte. So dicht, dass sie mich berühren könnten.
Ich könnte fallen.

Und Vertigo –

Es gibt Momente, in denen ich stocke. Kleben geblieben in Zeit und Raum, löse ich mich nur mit Mühe. Konturen verschwimmen und verharren, regungslos, gespannt. Nie fasse ich die Welt so sehr wie in diesen Momenten, da sie mir entgleitet.
Und sie staunt. Mich an. Ich lasse sie starren wie eine Geliebte. Schamlos.

Wir entrücken einander. Die Kluft zwischen dem, was ist, und dem, was bleibt, blitzt auf für Sekundenbruchteile, für Wimpernschläge. Kaum Zeit genug für ein Herzstolpern, kaum Zeit genug für ein Seufzen.
Die Distanz zwischen mir und den Dingen. Die Erkenntnis, dass meine Welt ohne mich nichts ist. Die Erkenntnis, dass die Welt mich trotzdem überdauert.

Das wilde Zerren, schließlich Losreißen, aller Dinge. Die Spannung, der Schmerz, der Bruch, die Erleichterung. Das Echo in meinem Kopf: „Auch noch verlieren ist unser.“

Und wenn die Unendlichkeit dort ist, wo Parallelen sich schneiden, dann ganz ehrlich – dann will ich da auch gar nicht hin.


Oh Schläfer,
die Welt steht auf mit mir.

Sanft atmend ruhen die Dinge bis ich sie wecke.
Verschrecktes Zucken, verklebte Ringe
unter den Augen, erwachen sie mühsam.

Sie gähnen und fletschen die Zähne.
Ein Spiel: wer hält wen an der Leine?
Beine, meine, deine, kreisen wie im Tanz.

Die Welt steht auf mit mir
und Ende glänzt
an allen Bruchstellen meines Misslingens.




ENDLICH!
Ist alles vorbei.
Wer mir sagen kann, auf welchen Text sich das Gedicht am Ende bezieht, gewinnt irgendwas.

Kommentare:

  1. Verdammt unwahrscheinlich. Aber…

    "Die Zeit scheint zu vergehen. Die Welt geschieht, entrollt sich zu Augenblicken, und du hältst inne, betrachtest eine Spinne in ihrem Netz. Das Licht ist hellwach, die Konturen der Dinge sind wie gestochen, und auf der Bucht liegen funkelnde Bänder. Du weißt besser, wer du bist, am kraftvoll strahlenden Tag nach dem Sturm, wenn noch das kleinste fallende Blatt von Selbstgewissheit durchbohrt ist. In den Kiefern tönt der Wind, die Welt beginnt zu sein, unwiderruflich, und die Spinne reitet auf ihrem windgewiegten Netz."

    Don DeLillo - Körperzeit

    ?

    :)

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  2. Meine Mutter hat's natürlich sofort erraten (die Füchsin die) aber nicht gepostet: es ist Rilke, "Die Welt steht auf mit euch".
    Ben, deine Antwort gefällt mir allerdings auch sehr gut. Du gewinnst einen Post über Schmerzen (bald).
    Grüße

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  3. Richtig toll fänd ich's übrigens, wenn du mal versuchen könntest deine Schmerzprosa in der 3. Person Singular Präsens zu verfassen? Hilary Mantel's "Wolf Hall" liegt doch vielleicht irgendwo in deiner Nähe? Das erste Kapitel. Für mich ist dieser filmische Stil (allerdings eher in Updike's Rabbit Romanen) die Köningsdiziplin und zugleich unfassbar schwierig zu bewerkstelligen. You could help, maybe?

    Noch ein kleiner Rezeptvorschlag...

    http://de.wikipedia.org/wiki/Rapunzel#Interpretation

    And
    Greetings!

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