Diese Seite enthält nur Worte und ist nicht daran interessiert, deine Augen oder Ohren zu unterhalten.

Keine der Personen, die hier beschrieben werden, existiert wirklich. (In deinem Leben.)

Alles, was hier beschrieben wird, ist wahr. (In deinem Kopf.)



Freitag, 29. Juni 2012

The Paradoxes of Time Travel





Die Plätze sind gut, zweifelsohne. Erste Reihe, direkt vor der Bühne. Würde ich mich aus dem schmalen blassgrünen Plastikstuhl erheben und einen langen Schritt nach vorne wagen, könnte ich die Tennisschuhe des Schauspielers anfassen.
Ich tue nichts dergleichen.
Ich betrachte das Geschehen auf der Bühne und versuche zu verstehen. Das Stück scheint seltsam vertraut, nicht wie etwas, das ich schon einmal gesehen habe, sondern eher wie etwas, von dem mir erzählt wurde oder von dem ich gelesen habe. Es stört mich, dass ich nicht weiß, was für ein Stück es ist; nicht nur, weil ich keine Ahnung habe wie lang ich schon hier bin und warum und was hier überhaupt ist. Es stört mich so wie es mich immer stört, wenn ich mich nicht daran erinnern kann, wie ein bestimmter Schauspieler heißt oder in welchem Film er war. Das Programmheft in meiner Hand, das ich erst jetzt bemerke, erlöst mich: Infinite Jest. Unendlicher Spaß. Nun betritt auch Madame Psychosis die Bühne, durch die ich das Stück sofort erkannt hätte, aber vermutlich betritt sie die Bühne eher weil ich das Stück endlich erkannt habe.

Die Plätze sind nicht wirklich mittig sondern ziemlich weit rechts, vielleicht gar nicht so gut, wie ich anfangs dachte. Ich kann nicht sagen, wie weit rechts wir uns befinden, denn wenn ich den Kopf vorsichtig nach rechts drehe, sehe ich fast nur Schatten: gerade so kann ich den Kopf und Oberkörper eines dunkelhaarigen, dünnen Mannes ausmachen, der vielleicht einen schmalen Schnurrbart trägt und der scheinbar gefesselt ist vom Geschehen auf der Bühne – ich kann seine Augen nicht erkennen aber er bewegt sich nicht. Hinter ihm wird es so dunkel, dass ich mich fragen muss, ob das Publikum absichtlich so ausgeleuchtet wurde und wenn ja, welche Rolle es in diesem Stück spielt.

Warum denke ich ständig an "Plätze", Plural? Ich bin nicht allein hier. Ich habe plötzlich Angst, nach links zu schauen. Vielleicht nicht wirklich Angst sondern eher Nervosität. Vorfreude?
Im Gegensatz zu der statischen, düsteren und unnahbaren Puppe zu meiner Rechten ist jemand links neben mir, das fühle ich. Mein linkes Bein berührt sein rechtes, ich kann den rauen Stoff seiner ausgewaschenen hellen Jeans durch meine schwarze Strumpfhose hindurch fühlen. Meine freie Hand, die kein Programmheft hält, liegt auf meinem Bein knapp unterhalb des Knies, die meines Sitznachbarn ebenfalls. Sein Bein ist etwas länger, sodass meine Seite wie ein geschrumpftes, verzerrtes Spiegelbild aussieht. Meine Zeige- und Mittelfinger berühren seinen kleinen- und Ringfinger.
Ich versuche ihn unauffällig von der Seite anzusehen, doch er dreht sofort den Kopf, lächelt und flüstert einen verschwörerischen Kommentar über das Stück, den ich leider nicht verstehe. Sein Gesicht ist so vertraut wie das eines Freundes und ich kann es schneller zuordnen als das Stück, doch ich kann es nicht glauben.
Der Dreitagebart sowie die schulterlangen braunen Haare sind durchzogen von vereinzelten grauen Strähnen, die sein Haar heller erscheinen lassen, als es ist. Die Augen dafür umso dunkler, eingefasst in ein perfektes Oval von Braungrau.

Es ist das Jahr 2005 und ich sitze in einer englischen Inszenierung von Infinite Jest mit David Foster Wallace, dem Autor des Romans.
Soweit ich weiß gibt es selbst in 2012 noch keine englische Theaterfassung von Infinite Jest und auch die deutsche Version kann kaum älter sein als 2011.
David Foster Wallace sagt schon wieder etwas, das ich nicht verstehe, und ohne es auch nur zu versuchen weiß ich, dass ich nichts antworten kann. Obwohl ich keine Worte ausmachen kann höre ich doch die Sanftheit, die kaum merklichen Hebungen und Senkungen, die Ruhe, die in seiner Stimme – die seine Stimme ist.
Ich starre ihn nun wirklich an, ungehemmt, die Bühne ist vergessen, es scheint ihn nicht zu stören. Er lächelt. Kurzzeitig verschwimmt sein Gesicht und seine Haare und sein Bart werden heller, silbern, und er ist nun jemand, den ich tatsächlich kenne und der wichtig für mich ist, doch bevor ich diesen anderen Mann fassen kann ist er schon wieder David Foster Wallace, lächelnd, sanft.

Ich höre seinem singenden Flüstern zu, ohne zu verstehen, ohne etwas erwidern zu können, und ich betrachte Madame Psychosis auf der Bühne, die ich so gut verstehe und die ununterbrochen „Sixty Minutes More Or Less With Madame Psychosis“ haucht und plötzlich verstehe ich, was mich erwartet, besser noch was ihn erwartet, ich verstehe alles bis ins letzte Detail, bis in die letzte Sekunde, und ich winde mich, und ich fühle mich weinen, nicht in diesem Traum sondern im Schlaf, denn ich weiß, dass ich nun hier sitzen muss, (Sixty Minutes More Or Less?), neben diesem Mann, den ich so verehre, ohne ihn zu kennen, sein unendliches Theaterstück verfolgend, stumm und taub, wissend, dass er sich in drei Jahren, in 2008, umbringen wird, und ich kann nichts tun.

Es ist 2012 und David Foster Wallace, der dieses Jahr 50 Jahre alt geworden wäre, hat sich vor vier Jahren umgebracht. Als ich aufwachte war mein Kissen feucht.


Du kannst immer, immer, immer
nur in die Zukunft reisen.
Du tust es mit jedem
Atemzug,
Wort,
Satz,
den du beendest.

Die Vergangenheiten,
deine
und die, die du stiehlst,
reisen mit dir.

Die Zeit ist ein Meer
und der Bug deines Schiffes
teilt es
in Vergangenheit und Zukunft,
und du treibst dazwischen,
doch es ist alles Wasser,

und selbst dieses Bild
ist nicht meines,
sondern das einer Frau,
die in meiner Vergangenheit einmal
mit mir sprach,
und in deren Vergangenheit ich
sicher nicht auftauche;
die nicht weiß, wer ich bin.

Samstag, 14. April 2012

Vom Häuten



„Die Schuppenflechte oder die Psoriasis (altgr. ψωρίασις; im Altertum fälschlicherweise gleichgesetzt mit der ψώρα psóra „Krätze“) ist eine Krankheit, die in typischen Fällen als Hautkrankheit auftritt, die sich im Wesentlichen durch stark schuppende, punktförmige bis handtellergroße Hautstellen (häufig an den Knien, Ellenbogen und der Kopfhaut) sowie Veränderungen an den Nägeln zeigt. Es handelt sich insoweit um eine Systemerkrankung in Form einer nicht-ansteckenden, entzündlichen Dermatose. Außerdem kann die Psoriasis auch andere Organe erfassen, vor allem die Gelenke und zugehörigen Bänder und angrenzenden Weichteile sowie die Augen und das Gefäßsystem. Die Ätiologie der Psoriasis ist vermutlich multifaktoriell (erbliche Disposition, Autoimmunreaktion) und noch nicht abschließend geklärt.“ (Wikipedia, 2012. http://de.wikipedia.org/wiki/Psoriasis Zugriff 14/04/2012)






Sie häutet sich.


Ihre Metamorphose ganz
kafkafrei und metapherlos. Tanz-
und bewegunsarm. Gestellt.
Indifferente (De)Platzierung.
Ihr Körper entwendet, entledigt, entstellt.
Nur häutende Masse.
Entfällt jeder Klassifizierung,
sagen die Ärzte.
Beherzte mutige Spiegelblicke:
ihr Körper plötzlich Objekt.


Vertraute Augen fassungslos fassend.
Bekannte Lippen bekennend:
wie nehme ich wahr
wie nehme ich mich wahr
wie nehme ich wahr wenn ich Wahrnehmende mir
Fremde(s) bin?

Samstag, 24. März 2012

Von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen

Oder: Wie man in ein fremdes Land zieht




Verlasse.
Komm an.
Laufe in Menschen und Wände.
Kämpfe keine Kämpfe, die du nicht gewinnen kannst: kämpfe nicht mit der Sprache.
Entdecke, dass niemand sieht, was du siehst, dass niemand hört, was du hörst. Verstehe also, dass du blind und taub bist. Dass du keinen Stock hast und kein Wort Braille beherrschst. Leg dir eine Augenbinde um und verschließe deine Ohren mit Wachs.
Vergiss Odysseus – er wird dir hier nicht helfen. Du willst die Sirenen nicht umschiffen, du willst Sirene werden.


Der einzige Sinn, der dir bleibt, ist Fühlen. Erfühle also alle Räume. Erfühle auch Menschen: umarme dankbar alle Führer, die sich dir anbieten. Bezahle sie großzügig mit Lächeln.
Liebe so viel du kannst. Versuche, wenig zu hassen. Wenn du hassen musst, wisse die Gründe. Vergiss sie so schnell wie möglich.


Irgendwann kennst du die Körper. Die Räume sind vertrauter. Die Sprache, das fremde Bett, riecht schon nach dir. Die Führer, verstört, folgen nun dir. Du darfst sie zurücklassen, wenn du willst.


Unterscheide die Menschen. Erzähle jenen, die dir näher sind, von deiner Blind- und Taubheit. Sie müssen verstehen. Wenn sie das nicht tun, lasse auch sie zurück.


Bis hierher bin ich gekommen. Ob wir die Augenbinde und das Wachs jemals loswerden, weiß ich nicht.
Lasse mich nur bei den Führern und den entfernten Fremden.




Fremder Nebel macht Frühlings- zur Rau(ch)nacht.
Schau: die acht Licher vor meinem Haus, einst vertraut,
führen mich irre.
Wirr stolpere ich hinaus und staune.
Harrend der Dinge, die da raunen mögen.