Diese Seite enthält nur Worte und ist nicht daran interessiert, deine Augen oder Ohren zu unterhalten.

Keine der Personen, die hier beschrieben werden, existiert wirklich. (In deinem Leben.)

Alles, was hier beschrieben wird, ist wahr. (In deinem Kopf.)



Posts mit dem Label Grenzen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Grenzen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 10. März 2013

Säure


Die Wand ist konkav. Weiß. Nicht gefliest sondern aus einem Guss. Kühl und glatt. Der Boden ist aus demselben Material. Da ist ein handtellergroßer silberner Abfluss, der dich anstarrt. Da sind deine nackten Füße, die keinen Schatten werfen. Da ist Licht ohne Quelle, ein Duschkopf ohne Apparatur oder Schläuche.
Dein nackter Rücken klebt an der durchgängigen Glaswand, die den Halbkreis abschließt und dich einschließt. Der Raum dahinter ist kein Raum, denn du kannst ihn nicht betreten; niemand kann das.
Die Luft liegt schwer auf deinen blanken Schultern, deinem hellen langen Haar. Sie drückt sich an deine Brust, welche mit aller Kraft dagegenhält, sich stemmt, und hebt, und senkt.

Das Wasser kommt aus dem Nichts. Ein fester Strahl, der brennt und zischt. Er trifft dich zwischen den Augen, springt, rinnt, klammert und windet sich über deinen Körper. Du atmest laut aus. Dein Stöhnen erklimmt die wasserperlenbesetzen Wände und wird eins mit dem Rauschen.
Vielleicht ist es heißes Wasser, denkst du. Denn du brennst. Deine zitternden Beine geben nach, du sinkst kurz zu Boden, wo du kauerst, die Arme schützend über den Kopf gelegt. Als du dich an der Wand abstützt, um dich wieder aufzurichten, sind deine Hände und Unterarme voller langer Haarsträhnen. Sofort werden sie weggespült und verschwinden im Ausguss.
Vorsichtig greifst du dir auf den Kopf und ziehst eine weitere Handvoll Haare heraus. Du betrachtest sie, wie sie zwischen den ausgestreckten Fingern deiner offenen rechten Hand kleben, und dann, vom Wasserstrahl erfasst, sich winden, schlängeln und entgleiten. Sie folgen ihren Vorgängern.
Verwundert reibst du die Fingerspitzen deiner nun leeren Hand aneinander. Die Haut löst sich mühelos und entblößt dunkelrotes Fleisch. Die weißen Fetzen werden vom blassroten Wasser weggespült.

Dann beginnst du also mit den Haaren. Bedächtig streichst du dir über den Kopf, bemüht, jedes einzelne Haar gründlich zu entfernen. Ein Teil der Kopfhaut löst sich ebenfalls und klebt an deiner linken Schulter, bis du es mitsamt einem kleinen Stück derselben entfernst.
Das Wasser, das kein Wasser ist, bleibt annähernd klar, nur durchzogen von verirrten roten Schlieren.
Du beginnst wahllos, deinen Körper zu zerlegen. In kürzester Zeit hast du dein linkes Schien- und Wadenbein völlig freigelegt. Fasziniert betrachtest du die blanken Knochen und machst dich dann weiter ans Werk. Nach und nach entkleidest du dein Skelett, gründlich, zügig, konzentriert. Der Ausfluss schluckt stumm alle Fetzen, die du ihm zuwirfst.

Nun hast du schon fast alle linken Extremitäten völlig entblößt. Du betrachtest dein Werk zufrieden: die Flüssigkeit greift deine Knochen und Augen nicht an. Noch nicht.

Du blickst dich noch einmal kurz um in dem Weiß, in der Duschkammer, die im Nichts liegt und die dich zersetzt. Du musst rein werden, reiner noch, und dann, dann erst kannst du dich ganz auflösen zwischen den Worten. Und das Nichts betreten.


Beginn nun dich selbst zu sezieren:
Ziere dich nie vor dir selbst.

Durchleuchte dich gut und gründlich:
stündlich werden deine Wünsche reifer,
Eifer frisst an deinem Zaudern,
Mauern beben, Grenzen heben,
strecken, recken sich und gähnen.

Fühl dir auf Zähne und Sehnen:
jene nämlich wähnen sich zu sicher.
Stich- und hiebfest liegen sie
still im Panzer der Gewohnheit.

Öffne ihn ohne zu Zögern.
Öffne dein Zögern.

Betrachte was auch immer du findest:
Bedenke deine Gefühle.
Befühle deine Gedanken.
Betrachte sie als wahr.

Und damit kannst du anfangen.

(Enden kann es ohne dich.)



Anmerkung: Mein erster Post seit langem. Ich werde mir Mühe geben, wieder mehr und regelmäßiger zu schreiben, aber es ist etwas schwierig zur Zeit, denn ich schreibe mehr und mehr auf Englisch und arbeite ein bisschen an einem längeren Projekt. 
Die furchtbar düstere Thematik tut mir leid. Der Prosatext basiert auf einem Albtraum, den ich genau so hatte, mit fliegendem Perspektivenwechsel zwischen erster und dritter Person. Daher habe ich die goldene Mitte gewählt. Das Gedicht ist mein Versuch, dem Traum einen etwas tieferen, vielleicht sogar positiven Sinn zu geben.
 

Samstag, 24. März 2012

Von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen

Oder: Wie man in ein fremdes Land zieht




Verlasse.
Komm an.
Laufe in Menschen und Wände.
Kämpfe keine Kämpfe, die du nicht gewinnen kannst: kämpfe nicht mit der Sprache.
Entdecke, dass niemand sieht, was du siehst, dass niemand hört, was du hörst. Verstehe also, dass du blind und taub bist. Dass du keinen Stock hast und kein Wort Braille beherrschst. Leg dir eine Augenbinde um und verschließe deine Ohren mit Wachs.
Vergiss Odysseus – er wird dir hier nicht helfen. Du willst die Sirenen nicht umschiffen, du willst Sirene werden.


Der einzige Sinn, der dir bleibt, ist Fühlen. Erfühle also alle Räume. Erfühle auch Menschen: umarme dankbar alle Führer, die sich dir anbieten. Bezahle sie großzügig mit Lächeln.
Liebe so viel du kannst. Versuche, wenig zu hassen. Wenn du hassen musst, wisse die Gründe. Vergiss sie so schnell wie möglich.


Irgendwann kennst du die Körper. Die Räume sind vertrauter. Die Sprache, das fremde Bett, riecht schon nach dir. Die Führer, verstört, folgen nun dir. Du darfst sie zurücklassen, wenn du willst.


Unterscheide die Menschen. Erzähle jenen, die dir näher sind, von deiner Blind- und Taubheit. Sie müssen verstehen. Wenn sie das nicht tun, lasse auch sie zurück.


Bis hierher bin ich gekommen. Ob wir die Augenbinde und das Wachs jemals loswerden, weiß ich nicht.
Lasse mich nur bei den Führern und den entfernten Fremden.




Fremder Nebel macht Frühlings- zur Rau(ch)nacht.
Schau: die acht Licher vor meinem Haus, einst vertraut,
führen mich irre.
Wirr stolpere ich hinaus und staune.
Harrend der Dinge, die da raunen mögen.

Freitag, 16. März 2012

Zwischenräume



Man sagt ja, die Augen seien der Spiegel der Seele. Das ist so nicht ganz richtig. Tatsächlich habe ich festgestellt, dass sie mehr eine Tür sind.
Ich hatte so einen Verdacht, lange bevor ich Beweise hatte. Meine Theorien gründeten sich auf die detaillierte Lektüre phantastischer Literatur sowie einige flüchtige Ausflüge in die kognitive Psychologie, welche zwar immer recht unterhaltsam aber zum Großteil wenig hilfreich waren. Das Problem mit Türen ist natürlich, dass man sie absperren kann, was die meisten Menschen denn auch tun. Weniger aus egoistischen Gründen, wie ich meine, sondern mehr aus Nächstenliebe. So eine Seele ist ja in der Regel weit weniger glamourös als das klangvolle Wort mit seinen drei Es durchblicken lässt. Um es anders auszudrücken, Menschen, die im Erdgeschoss wohnen, schaffen sich die Vorhänge nicht an, weil sie so stolz auf ihr geschmackvoll eingerichtetes und stets ordentliches Wohnzimmer sind.


Tatsächlich öffnen Menschen ihre Augentüren sehr viel eher für Dinge als für andere Menschen. Das stellte ich fest, als ich nach monatelangen fruchtlosen Einbruchsversuchen meiner damaligen Freundin den Weinkorken unseres ersten gemeinsamen Abendessens zu irgendeinem Jubiläum, ich glaube es war ein fünfjähriges, schenkte. Zunächst dachte ich, sie sei enttäuscht, weil sie, wie ich wusste, seit einiger Zeit einen Ring erwartete, doch dann erkannte ich dass das, was ich für Schatten oder Tränen gehalten hatte, die weit geöffneten Tunnel ihrer Augen waren.
Nach dieser Entdeckung war alles ganz einfach. Ich scheute keine Kosten und Mühen (extravagante Abendessen, Reisen, Kunstwerke, schließlich der Ehering) um etwas Übung zu gewinnen, und es dauerte kaum zwei Jahre, da konnte ich durch Türspalten schlüpfen, an denen Katzen gescheitert wären. Oft reichten der Anblick von Schokolade oder einem Designerkleid bei Frauen, ein Fußball oder eine Bierflasche bei Männern, um mich einzulassen.


Doch ich muss euch sagen, irgendwann versiegt die Neugierde. Die meisten Menschen ähneln sich und die, die sich von der Masse unterscheiden, sind weit öfter erschreckend als erfreulich. Seit langem schon habe ich es aufgegeben, in andere Menschen einzudringen. Ich bin inzwischen lieber allein und ungestört. Es macht mir nichts aus, die Ergebnisse meiner mühevollen Arbeit mit euch zu teilen, sie erscheinen mir leider sehr unbedeutend.
Unter uns, ich arbeite an einem neuen Projekt. Ich versuche, Einblick in meine Seele zu bekommen. Dafür habe ich mir bereits diverse Spiegel sowie Fotoapparate, Videokameras und Webcams besorgt. Auf all diesen Oberflächen starre ich nun jeden Tag stundenlang in meine Augen. Aber ich fürchte, genau da liegt das Problem. Um es anders auszudrücken, meine Augen öffnen sich für mein Gesicht keinen Millimeter. Mein Gesicht öffnet meine Augen keinen Millimeter.
Keinen Millimeter.




Zwischen uns liegt
Raum,
tief und weit(er).


Wir vergessen den
Zaun,
fallen frei(er).


Abgründe halten unseren Atem (an).


Zungen verbrennen beim Auf-
zergehen.
Augen erblinden beim Aus-
versehen.
Gerüche verirren im Sommer-
erblühen.
Knochen zerknirschen beim Ein-
zerfühlen.


Abgründe halten unsere Sinne (gefangen).


Natürlich sind wir gegen die Natur.
Wir bauen brüchige Brücken,
wir brechen Hälse und Rücken
in wütenden Sprüngen.


Doch abends dann, wenn wir zu müde sind,
begnügen wir uns damit in den Schlund
ein blickgespicktes Wort zu schicken, flehend
dass Echos wohl die andre Wand erklimmen
und dass der andre das, was unsren Mund
einmal verließ, entstellt, vielleicht versteht.

Sonntag, 26. Februar 2012

Vom Wachsen





Wortlos teilten die Schwestern ihre Einkäufe auf dem wackligen hölzernen Küchentisch. Auf den ersten Blick hätte man meinen können, der Tisch sei ein Fließband und die beiden Mädchen Fabrikarbeiterinnen mit Haarnetzen anstatt Mützen, so präzise waren ihre Bewegungen.
An beiden Enden des Tisches türmten sich bereits die Einkäufe, die, mit ganz wenigen Ausnahmen, eigentlich identisch waren.


Braeburn Äpfel (beide), Bäckertüten – Form und Größe nach zu urteilen wohl zwei bis drei Brezen (beide), Joghurt (links drei Natur, rechts drei Erdbeere, selbe Marke), Milch (beide, selbe Marke, jeweils zwei Packungen), Espresso (beide, selbe Marke, kleine Packung), Grapefuitsaft (links), Mandarinen (beide, jeweils ein ganzes Netz), Frischkäse (links eine bekannte Marke, fettarm, rechts die günstigere Variante, ebenfalls fettarm), Poppadom (rechts), Shrimps in Salzlake (beide, selbe Marke, mit MSC Siegel), Weißkohl (beide), Eisbergsalat (beide, jeweils ein Kopf), Erdnüsse mit Schokoladenüberzug (links, bekannte Marke), Karotten (beide), Dosenmais (beide), Weizenmehl Typ 405 (rechts).


Nachdem alles geteilt wurde machten sie sich daran, mit derselben Präzision sämtliche Utensilien in der Küche zu verstauen. Auch hier schienen sie ihre Gebiete abgegrenzt zu haben, wenn auch für den Nichteingeweihten weniger deutlich in links und rechts unterteilt.
Schließlich sahen sie sich gründlich um, überprüften die leeren Einkaufstüten ein letztes Mal, dann nahm die Ältere zwei der gerade erst eingeräumten Joghurtbecher (einen Natur, einen Erdbeer) aus dem Kühlschrank und zwei Löffel aus der Besteckschublade. Die Jüngere nahm ihren (Natur) mechanisch entgegen, fast ohne hinzusehen, und griff gleichzeitig in ein Vorratsregal, um den Honig zu holen.


Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer, wo sie den Fernseher anschalteten. Stumm löffelten sie ihre Joghurts als die Jüngere plötzlich innehielt und ihre Schwester mit dem Ellenbogen anstieß. Die schreckte auf und sah sie verwirrt an. Unsicher hob die Jüngere ihren Löffel mit feinen Honigfäden und glänzend weißem Naturjoghurt aus dem Becher und bot ihn ihrer Schwester zum Probieren an. Diese neigte sich misstrauisch, zögerlich, langsam vor, ihre Augen wanderten nervös zwischen dem Gesicht der Anderen und dem Löffel hin und her, bis sie schließlich, in einer schlangenschnellen Bewegung, zuschnappte.




Wir haben nie gelernt
in die Dimension zu wachsen,
wir kennen nur Richtungen.


Das Vor und Zurück der Schritte,
das Auf und Ab der Stimmungen.


Wir haben nie verstanden
das Loslassen zu umarmen,
wir hängen so an der Einheit.


Haut eng an Muskeln eng an Skelett,
allein Haare, getrimmt, strecken sich.


Irgendwann, wenn wir erschöpft nachgeben,
erkennen wir uns im Atem, im Geruch, im Blickfeld,
wir geben das Wachsen auf und weiten uns, aneinander, ineinander,
fort.

Montag, 3. Oktober 2011

Von den Grenzen


Er lehnte sich tief zurück in seinem Lieblingssessel. Er war einer der unbequemsten Sessel in seiner teuer eingerichteten Wohnung, nur getoppt von der französischen Voyeuse, dem Konversationsstuhl, dessen Lehne sich einem in den Rücken presste und der sein Fortleben in der Wohnung allein seinem hohen Kaufpreis und der bemerkenswerten Ähnlichkeit seines Polsterbezugs mit der Tapete verdankte.

Die Sprungfedern drückten sich schmerzhaft durch den dünn gesessenen Bezug in seine knochigen Oberschenkel und seinen verspannten Rücken. Mit jedem Schluck Whisky, den er nahm, überschlug er im Kopf grob, wie viel Geld er da gerade trank. Eine uralte Angewohnheit, die sein Konsumverhalten vor Jahren geprägt und ihn zum Teil dorthin gebracht hatte, wo er heute war, und die er nun, da er mehr Geld hatte als er ausgeben konnte, nicht mehr abstellen konnte.

Müde rieb er sich die Augen und Schläfen, an denen sein Haar bereits schütter war. Er hatte die Papiere, die er sich mit nach Hause genommen hatte, durchgearbeitet und noch über fünf Stunden, bevor er wieder aufstehen musste. Zuviel Zeit, um jetzt schon ins Bett zu gehen, zu wenig Zeit um sich noch eine Prostituierte zu bestellen. Mit seiner fünf Stunden Regel (wie mit allen seinen Regeln) war er streng.

Seufzend strich er über die blassgrüne Armlehne seines Sessels und leerte sein Glas. Er erlaubte sich einen kurzen, nostalgischen Traum über die Frau, die ihm den Sessel vor vielen Jahren geschenkt hatte. In einer Wohnung, in der blassgrün nicht deplatziert schien. In einem Leben, in dem es vorgeschriebene, nicht selbstgemachte Grenzen gab.
Um Punkt 02:00 Uhr morgens löschte er das Licht, putzte sich die Zähne und ging ins Bett.


Ich muss wändelehnen
und grenzendehnen,
Räume erfüllen und
Träume enthüllen.

Ich will mich er-fühlen.
Mein Geschlecht zer-wühlen,
meinen Kopf zer-spüren
und mein Herz ent-rühren.

Im Fesselnsprengen,
im Kräftekennen –
nur im Kampf
bin ich.

Dienstag, 12. Juli 2011

Auswandererlied



Er packte routiniert seinen abgewetzten Koffer, der ewig gleichen Packliste, die er doch immer neu schrieb, folgend. Er wog ihn, mehr aus Gewohnheit, und wusste doch, dass er die 20kg nicht überschreiten würde. Die Waage zeigte 19,3kg.

Er freute sich, dass er trotz allem noch die gleiche Aufregung verspürte, die er so gut kannte und liebte. Das war Innen. Von außen betrachtet – sah sein Spiegelbild müde aus. Und alt.
Er fuhr sich mit seinen nervös-feuchten Händen über die Schläfen, an denen das Haar schütter wurde. Dann lächelte er probehalber und erschrak, als er die verzerrte Grimasse, die sein Gesicht war, sah.

Irgendetwas in ihm zog sich zusammen, als er sich in dem leeren Zimmer umsah.
Ihm fiel auf, dass sein Koffer in den letzten sieben Jahren nie schwerer geworden war und sich der Inhalt, abgesehen von den Fotos neu gewonnener und schnell verlorener Menschen, kaum verändert hatte. Plötzlich wollte er nichts lieber, als diese Fotos auszupacken und wegzuwerfen, sie kamen ihm vor wie Leichen. Er war ein fauler Totengräber, der seine Särge nur herumschleppte, ohne sie jemals zu beerdigen.

Um die Panik zu besiegen sagte er sich, er könne ja zurückkommen, hierher. Das half ein wenig. Mit zitternden Händen öffnete er die Schnallen seines Koffers, blätterte durch die Fotos und zog eines hervor, das ihn mit einer jungen Frau zeigte. Sie lächelten beide und hier glaubte er sich das Lächeln. Er steckte das Bild hinter den Spiegel.

Das Taxi klingelte.


Ich habe meine Wünsche begraben,
es gab keinen Leichenschmaus.
Nur ein Haufen frischer Erde,
wie für ein Kätzchen,
und kein Stein.

Ich habe aufgehört meine Geduld zu essen
und dünge damit nun mein Grab.
Immer hoffend, dass eines Tages
ein Haus daraus sprießt.

Immer hoffend.

Wenn es einen Stein gäbe,
so wäre er aus Lehm
und die Inschrift aus Kreide:
Hier ruht
das Herz, der gefesselte Flüchtling

Wartend auf die Umarmung
der mahlenden Hand der Zeit

und immer hoffend.



(Anmerkung: In dem Gedicht finden sich Anspielungen auf "Die gekrümmte Linie des Leidens" von Nelly Sachs. Ist für die Interpretation zwar relativ irrelevant, trotzdem ein Gedicht, das jeder kennen sollte.)

Freitag, 22. April 2011

Tin Roof



Ungefähr zwanzig junge Menschen sitzen im sonnigen Hof der alten Lagerhalle, die nun schon seit einigen Monaten von arbeitslosen Kunststudenten als Studio genutzt wird. Selbst für Passanten, die Tin Roof nicht kennen, muss klar sein, dass dies eine kreative Gruppe ist: die abgetragenen Second Hand Klamotten, die Hüte, die Farben, die Dreitagebärte, der süßliche Geruch von Gras, der über der Szene hängt und sogar den Grillgeruch überdeckt.


Es ist laut obwohl niemand auch nur ein Wort spricht. Schweigend wechseln sie sich am zischenden Grill ab. Ein paar von ihnen spielen ein obskures Spiel mit zehn Holzblöcken, die sich in zwei Fünferreihen gegenüberstehend einen etwas höheren und spitz zugeschnittenen Holzblock einschließen und scheinbar nacheinander mit kleinen Sandsäcken umgeworfen werden müssen. Ein Mädchen springt im letzten Moment zur Seite, als einer der Klötze getroffen und knapp an ihrem Bein vorbei über den Hof geschleudert wird. Sie lacht.
Ein junger Mann mit rötlichem Bart liest E. E. Cummings.

Hin und wieder steht irgendjemand auf und geht zu den Leinwänden und der Skulptur, die bisher aus Leim, Glas und Asche zu bestehen scheint, und fügt irgendwas hinzu. Eine Farbe, eine Form, ein neues Material. Kein Wort.

Während die Kohlen in der Dämmerung langsam erkalten und die Skulptur mehr und mehr zu einer Bierflaschen- und Altglassammlung verkommt verliert sich das Konzept. Wirre Stimmen schwirren durch Glas und Glanz.


wir     sind in rauch     ausgebrochen
worte     in uns nicht-     gesprochen
schweigen ist gold
finger
zeigen gewollt
: zwinger
wünsche:     rosten getürmt
wir:     lauschen erzürnt
-en   rauchzügen   rauschend im nachtraum


twenty-odd kids     sitting about     smoking
twenty-odd words     lingering un-     spoken
silence is gold
-en     eyes
science unfold
-ing     sighs
thoughts:     piled up rusting
we:     wound up thrusting
smoke trains       into the night



Anmerkung: Dies ist mein erster Versuch in diesem Stil, der natürlich stark E. E. Cummings inspiriert ist. Die unregelmäßigen Updates tun mir sehr leid, ich stehe wenige Wochen vor Studienabschluss.

Dienstag, 8. März 2011

Die Wortgrenze

Die Wortgrenze in mir ist eine semipermeable Membran. Sie teilt mich vertikal durch die Mitte.


My left side is stiff like an old lady’s frown

and as swift as a fish in a tank.

My left side is still wearing too tight a gown


with pistols at belt and at hand.


Words aimlessly darting in foreign storms.


Words shamelessly daring intimate norms.
Die Rechte ist schwer und geladen.

Beschlagen mit Echtgold:

Gewehr und gepanzerte Brust.

Bewusst voll von ganz andern Werten.



Worte müde Löwenjungen spielen in der Glut.

Worte rüde Jägerlungen gurgeln blaues Blut.


Sie laufen Hand in Hand, diese Seiten, und manchmal grinsen sie sich verschwörerisch zu. Doch wenn in the street of the sky night walks scattering poems (E. E. Cummings, the poems to come…, 10) and we will in den Sprachen beten, die wie Harfen eingeschnitten sind (E. Lasker-Schüler, Meine Wunder, Versöhnung) –

vor allem dann, wenn mein Körper is with your body. It is so quite a new thing. Muscles better and nerves more. (E. E. Cummings, the poems to come…, 15) –

and in particular when you are dunkel vor Gold – auf deinem Antlitz erwachen die Nächte der Liebenden. (E. Lasker-Schüler, Meine Wunder, Kete Parsenow) –

immer dann biegt und ächzt die Membran unter dem Druck der wilden Worte und die Wortgrenze zittert im offenen Feuer fliegender Patronen. (Und ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube manchmal stirbt sie sogar einen petite mort.)