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Montag, 23. September 2013

In Zeiten des Glücks

Heute mal nur ein Gedicht.
Immerhin, das ist ein Gedicht mehr als ich im letzten halben Jahr geschrieben habe.
Ich überlasse die Traumarbeit also dieses Mal euch. Fall ihr Schwierigkeiten habt, stellt euch vor:

Sie sitzt auf einem Stuhl, an einem Tisch, vor einem Bildschirm, die ihre täglichen Begleiter geworden sind. Sie ist ein Stuhl, ein Tisch, ein Bildschirm. Und plötzlich, mit Schrecken und mit Überraschung, sieht sie das. So klar wie die dreidimensionalen optischen Illusionen ihrer Kindheit, die Tiefenbilder, und genauso schnell entgleitet ihr die Vision.
Es bleibt ein vages Gefühl des Heimwehs.

Nur ein Vorschlag.






Damals, als die Welt noch gläsern war,
sah ich Farben nur metaphorisch,
Menschen allegorisch,
Bedeutung quoll und troff aus allen Poren.

Schmerz war Benzin und
Wetter war Fäuste und
Nacht war nichts
als ein Schattenspiel
in dem die Konturen der Dämonen
in den Kaffeetassen verschwammen
und die Götter umso heller leuchteten,
die Besoffenen.

Bäume zerschellten klirrend an Himmeln
während ich in einem Büro saß,
komplett mit kaputtem Drehstuhl,
fleckgrauem Teppich,
undichten Fenstern,
und irgendjemandes türkischen Instanttee aß;
ich erkannte alles und verstand nichts.

Vielleicht
dass
der Mut irgendwann einfach wandern ging
oder dass der Verstand schließlich doch
reifte,
der Verräter

Das Glück
hat mich nun fest im Griff
mit seinen Krallen und Zähnen,
seinen süßlichen Liedern und warmen Bildern.
Weich und schwer
wie überreifes Obst
sitze ich,
behäbig begreifend,
Wörter grob packend und umwälzend.
Und das ist dann Arbeit.

Selten nur,
wenn ich mir einen Traum bis in den Morgen rette
oder wenn mich mein Glück nicht schlafen lässt,
regt sich ein unbestimmter Schmerz,
der nie so ganz Benzin wird,
und ich nehme ein Aspirin.

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Warum Menschen, die in der U-Bahn nur eine Tür aufmachen, in die Hölle kommen


 (und andere Wutwecker)



Eine objektiv junge Frau mit wirren langen blonden Haaren schreitet, Kamm gezückt, auf die U-Bahn zu. Ihre tief sitzenden, umschatteten (daher subjektiv nicht mehr ganz so jungen) dunklen Augen starren konzentriert – sie weiß um die Wichtigkeit des Moments. Die ohnehin schon schmalen Lippen zu einer einzigen langen (subjektiv alten) Falte zusammengekniffen schwenkt sie die Rechte, in der sie den Kamm wie ein Zepter umklammert hält, kurz in die Luft, um mit der Linken die Tat zu vollbringen.

Der U-Bahntürgriff empfängt sie kühl. Ein hohes Rechteck aus matt glänzendem Metall, das sich sanft in die Wölbung eines kleineren Recktecks neigt, in welchem der lange, schlanke Türgriff liegt. Nach unten hin auslaufend, so um einen Mittelpunkt spielend, ist er wie ein Uhrzeiger, der stets nur die volle Stunde oder zehn vor anzeigt. Achsensymmetrisch gespiegelt: sein Zwilling zehn-nach.

Die Frau legt die linken Zeige- und Mittelfinger seitlich an die kühle, weniger als einen Zentimeter starke Metallplatte. Der Daumen legt mühelos den Griff auf zehn-vor, die linke Tür springt zischend auf, und das war der Startschuss.
Für sie: mit einem langen, erhabenen Schritt in die U-Bahn zu steigen.
Für alle anderen, die ursprünglich vorhatten, diese Schwelle in die eine oder in die andere Richtung zu überschreiten: verwirrt und aufgeschreckt die Augen zu rollen, Hände nach dem rechten Türgriff zu strecken, unruhig bald nach links, bald nach rechts zu schwenken, die traditionell schwierige Frage des ein- und aussteigen Lassens neu aufzurollen.
Für mich, die ich nichts mit dieser Szene zu tun habe außer zu beobachten und zu bewerten: der Wutwecker. Schrill und unerbittlich. Er weckt Tote auf.

Menschen, die in der U-Bahn nur eine Tür aufmachen, kommen in die Hölle.
Die Geschichte der mittelalten Frau geht natürlich weiter, aber ich finde meine Protagonistin jetzt bereits zu unsympathisch, um die detaillierte Erzählung fortzuführen, daher füge ich nur hinzu: selbiges gilt für Menschen, die in der Öffentlichkeit Haare kämmen, sich schminken oder gar Parfum auflegen.

Menschen, die auf dem Fahrradweg gehen (und keine Touristen sind). Menschen, die zu zweit (oder gar allein) den gesamten Gehweg einnehmen. Die Krone der Gehwegwutwecker: Menschen, die ihren Hund an der Leine führen und ihm erlauben, den Fahrradweg zu überqueren (einfach bildlich vorstellen). Menschen, die schnippen, um die Aufmerksamkeit der Bedienung auf sich zu lenken. Die Produzenten und Designer (Träger gibt es glaube ich keine) ärmelloser Rollkragenpullover. Menschen, die im Kino klatschen. Die auf der Rolltreppe links stehen. Von der Autobahnspuren und Schwimmbahnaufteilung ganz zu schweigen.

Tom Waits ist der Ansicht, dass alles sowieso in der Hölle endet. Frauen, die heulen, Händler, die schwören, Diebe, die bezahlen wollen, Anwälte, die Mitleid heucheln. Ich wünsche mir, dass er damit nicht Recht hat. Gerne würde ich mir eine Nachwelt mit all diesen Charakteren sowie seinem Gun Street Girl, seinen Rain Dogs, Alice und einem Jockey full of burbon teilen.
Aber wenn ich mir vorstelle, den Rest der Ewigkeit eingesperrt mit meinen Wutweckern zu verbringen – da überlege ich mir schon manchmal, vielleicht mit weniger verheirateten Männern zu schlafen.


Schrei
wenn du musst.
Frust frisst Herzen.
Jene, eisern, scherzen:
Das geht auch vorbei.
Der Mund hat sich am Lächeln
wundgetragen. Unter Schmerzen
streckt und dehnt und reckt er sich,
schmeckt die Laute, leckt die Stärke,
reißt die Seele aus der Kehle,
setzt sie frei:
Schrei
wenn du kannst. 

 

Dienstag, 20. November 2012

Von den Sinnen





Die nächtliche Straße erscheint gleißend hell: das notorisch flackernde Licht der vereinzelten Straßenlaternen tanzt über den Schnee, umarmt die Menschen, erklimmt die hohen Häuserwände und springt in den Himmel.
Ein junger Mann packt ein Mädchen am schneeballschlachtnassen Mantel und wirft sie in die Luft. Sie schreit, oder jauchzt, der exquisite Moment des Wendepunkts, dann der Fall, und seine Hände wenige Zentimeter und viele Stoffschichten über ihren Hüften,  und das Geräusch seiner Schuhe im Schnee, die knirschen, Widerstand brechend, gleiten, sein Körper nun in der Diagonale, und schräger tiefer weiter, seine Arme beschließen, nicht ihn, sondern sie zu retten und sie legen sich um ihren Rücken, der Fang plötzlich Umklammerung, ihre linke Hand in seinem Nacken drückt sie seinen Kopf an ihre Brust, ihre rechte Hand abgestreckt, den Schlag des Bodens erwartend, ihre Beine winden sich um seine Hüfte, gerade noch rechtzeitig, und so hält sie ihn beinahe schwebend, als sie gemeinsam aufprallen:
sie, halb kniend, halb kauernd, und die rechte Hand abgestützt, er, an ihren Oberkörper geklammert und eingeklemmt zwischen ihren Schenkeln. Für einen Sekundenbruchteil: ein Bild.
Dann keucht sie, gibt ihn frei, er sinkt in den Schnee, ihr Arm und ihre Beine geben nach, rutschen nach außen, und sie folgt ihm. So liegen sie, erschrocken kichernd, schwer atmend, als die anderen zu ihnen laufen.

Wenige Stunden später, am nächsten Morgen, erwacht sie, verstört. Es ist kein natürliches Erwachen, sie wird aufgeweckt. Ein Geräusch. Ein Pochen. Eine Weile lang liegt sie so da und lauscht. Verkaterte Synästhesie: das Pochen kommt aus ihrem Körper. Es entspringt ihrem linken Knie, das ungewohnt viel Platz unter ihrer Bettdecke einnimmt. Ein Klangraum, in dem sich das Blut aufbäumt und überschlägt,  um dann in wilden Wellen in ihren Ohren zu branden. Sie hält ganz still und spürt dem Rhythmus nach. Sonst fühlt sie gar nichts.
Doch irgendwann muss sie sich bewegen und aufstehen. Schon in dem Moment, als sie den Oberkörper aufrichtet und abstützt, noch ohne die Beine zu rühren, wird das Rauschen in einem Donnerschlag begraben. Sie hat ihn erwartet. Ihr Stöhnen klingt fast wie ein Seufzer.
Sie schält ihr Knie aus Bettdecken und Hosenbeinen. Es sieht aus wie aufgebläht. Nicht verfärbt, nicht aufgeplatzt. Als könnte sie es vorsichtig mit einer Nadel anstechen und die Luft würde mit einem müden Pfeifen entweichen. Noch immer auf dem Bett, mit dem entblößten, geschwollenen Knie, sucht sie nach anderen Schmerzen. Sie findet: der rechte Handballen, das rechte Knie, das rechte Sprunggelenk. Doch all diese Akteure überlassen dem Luftballonknie die Bühne.
Sie ringt mit der Panik, die an Rage grenzt, und die sich aufbäumt wann auch immer ihr Körper sie im Stich lässt. Ein Kampf,  den sie in den letzten Jahren immer öfter gewonnen hat. Tief atmend überlegt sie sich ihre nächsten Schritte ganz genau. Sie steht auf, nimmt eine Plastiktüte, humpelt zur Hoteltür, schleppt sich, noch immer in ihrem Pyjama, die Treppen hinunter. Je länger sie aufrecht steht, desto lauter schreit ihr Knie. Sie sieht und hört nichts von den Menschen im Foyer, die sie verwundert anstarren und ihr Hilfe anbieten, geht direkt zur Eingangstür und beugt sich umständlich zu Boden. Sie füllt die Tüte mit ein paar Handvoll Schnee und Eis und versucht, die Treppen wieder zu erklimmen. Es geht langsam.
Zurück im Bett befestigt sie die Eistüte mit Tape an ihrem Knie. Der Chor der Schmerzen verstummt. Sie rüstet sich für den beißenden Eisschmerz, der nach einigen Sekunden einsetzen müsste, doch er bleibt aus. Sie beginnt eine Liste mit Dingen, die sie heute, an ihrem letzten Tag vor der Heimreise, erledigen muss, und eine sinnvolle Reihenfolge, die ihr unnötige Wege erspart. Sie macht radikale Abstriche. Das Blut unterhalb des Knies fließt kälter. Alles andere ist taub.

Sie erledigt all ihre Aufgaben langsam und mühevoll. Es ist ihr unangenehm, die Eistüte in der Öffentlichkeit neu aufzufüllen, wenn der Inhalt geschmolzen ist. Vielleicht hört ja irgendwer ihre Schmerzen. Am frühen Abend sinkt sie in ihr Bett, das Knie hochgelegt, matt und wehrlos den Geschichten lauschend, die ihr Blut ihr erzählt.

Die Zugfahrt und der Flug am nächsten Tag sind am schlimmsten. Wegen des Gepäcks, wegen der Menschen, wegen des Mangels an Schnee, wegen der Kraft und Agilität und Lautstärke des Wesens, das sich in ihrem Knie eingerichtet hat.
Zuhause angekommen hätte sie endlich Coolpacks, stellt aber fest, dass Eis effektiver ist. Sie fragt sich, ob sie arbeiten kann, und beschließt: sie kann.

Drei Wochen lang arbeitet sie jeden Tag. Eine abwesend wirkende, seltsame Gestalt mit schleppendem Gang, ungleichen Beinen, oft verschwindend, manchmal taub für ihre Umwelt, dabei stoisch und verlässlich. Ihr Schmerz ist ein Kind, um das sie sich kümmert. Es zieht die Welt dichter zusammen: alles ist lokal, temporal, in ihr, jetzt. Nur mit Mühe kann sie sich lösen, sein Wimmern ignorieren, um Listen und Pläne zu machen, um kurz zurückzublicken auf den Moment des Falls, das Bild, das sie nie sah und das doch eingebrannt ist in ihren Kopf, dann wird sie zurückgerufen. Menschen, die nur im Moment existieren, wirken seltsam unpräsent.

Als ihr Job endlich abgeschlossen ist findet sie Zeit, zum Arzt zu gehen. Dessen Untersuchung und Analyse nimmt sie hin: nicht als Erklärung für eine Malfunktion, sondern als interessante Erläuterung der genauen Abläufe eines natürlichen Körpervorgangs. Verdauung, Blutbildung, Knieschmerzen.
Man könne operieren, aber das sei in dieser Region immer riskant, und es wäre sicherer, einfach abzuwarten, falls sie die Schmerzen ertragen könne.

Sie lächelt.


Der Schmerz ist ein einsamer Jäger.
Er flicht seine Beute auf Räder,
die Gräber lässt er dem Geier.
Als unbekannter Vogelfreier
lebt er in den Dingen:
rühr sie, sie erklingen.
Wellen springen, spür sie,
rüste dich und führ sie,
trag den Schmerz in dir
wie ein Kind.
Gebier ihn nie.

Sei kein Jäger.



Anmerkung: Ben, endlich! Ich bin mir nicht sicher, ob es deinen Erwartungen entspricht. Vielleicht ist dieser Stil zu prosaisch für mich. Die Lyrik knabbert unaufhaltsam an allen meinen Buchstabenreihen. Aber es war sehr interessant für mich, ein wenig zu experimentieren und Neues zu wagen. Für die Rezeptidee bin ich dir übrigens sehr dankbar, das steht demnächst sicher auf dem Menü.

Dienstag, 25. September 2012

Your Ship May Be Coming In





Ein Mädchen sitzt gebückt an einem viel zu kleinen Schreibtisch. Der viel zu kleine Schreibtisch duckt sich unter ein viel zu großes Fenster, an dessen Seiten zwei viel zu helle Vorhänge in kalten Windstößen, die den zaghaften Widerstand der viel zu dünnen Scheiben Glasscheiben und Fensterrahmen durchbrochen haben, tanzen.
Ihr Laptop nimmt fast die gesamte Schreibfläche ein. Sie sieht absurd riesig aus, wie sie so tief über die Tastatur gebeugt dasitzt. Sie schreibt und sie zittert und sie schreibt.
Ihre Füße sind nackt. Jedes Mal, wenn sie sie hochzieht, weg vom blanken Holzboden und auf die Sitzfläche des weiß-grauen Plastikstuhls, schwankt dieser bedenklich. Es fehlt eine wichtige Schraube an der Rückenlehne, deren Abwesenheit scheinbar die Gesamtkonstruktion in Gefahr bringt.

Alles an ihr und um sie ist in Bewegung, abgesehen von ihren statisch verkrümmten Schultern, ihrem steif nach vorne gereckten Nacken und ihrem verbissen-verspannten, erstarrt-gebannten Gesicht. Diese Körperpartien sind so völlig regungslos, dass sie nicht einmal mit ihrem restlichen Körper in den Luftzügen erschauern. Sie beobachtet die Worte, die den weißen Bildschirm verdunkeln. Ihre Füße in einem ewigen risikoreichen Wechselspiel zwischen Boden und Stuhl, ihre Finger verzaubert vom rhythmischen Trommeln ihres eigenen Tippens.

Manchmal zuckt eine ihrer Hände reflexartig zu ihren Beinen oder ihrem Bauch und sie kratzt brutal, hörbar, für wenige Sekunden über die weite blaue Stoffhose oder den dunkelgrünen Fleece Pullover knapp unterhalb der Brüste. Dann verzieht sie kurz den Mund und kneift die Augen zusammen, als würde sie in die Sonne blicken. Ihren linken Daumen hat sie weit abgestreckt, selbst beim Tippen. Wenn er trotz aller Vorsichtsmaßnahmen irgendetwas berührt, holt sie zischend Luft. Und stets nimmt sie einen Schluck aus der braunen Flasche.

Das Tageslicht, das sich erst mühsam durch die schottischen Wolken kämpfen musste, um die Szene einzufangen, schwindet. Im künstlichen Strahlen ihres Laptopbildschirms wirken ihre Augenringe fast schwarz.

Sie hat Augenringe, denen man geradezu ansieht, dass sie Gewicht haben. Du weißt schon, was ich meine. Diese Art von Augenringen, die wirklich geradezu fühlbar innen am Tränenkanal und außen am letzten Katzenwinkel des Augenlids aufgehängt sind, wie eine Hängematte. In die man achtlos alle Wünsche und Zukunft und leeren Bierflaschen werfen kann, und die sinken und knarzen und sich wiegen und biegen und die mich doch nicht im Stich lassen – sie halten. 

Und mit etwas Kaffee spüre ich selbst in so einer Nacht die Müdigkeit kaum. Und mit etwas Alkohol kann mich auch der Herbst nicht beißen. Ich starre die Worte an, die meinen Bildschirm füllen, und bei jedem  einzelnen Leerzeichen wandern meine Mundwinkel für Sekundenbruchteile um Millimeterstückchen nach oben und fallen sofort wieder. Und meine Gedanken, die sich wie ein Malstrom um meine beiden unabhängigen und unerklärlichen Hautausschläge sowie den pochenden Daumen, dem ich leider aus Versehen fast den Nagel abgenommen und dann halbherzig wieder angepflastert habe, kreisen, lösen sich langsam aus dem Sog und schwimmen, treiben, holen kurz Luft und tauchen wieder ab, und ich spüre wirklich fast gar nichts mehr, und so langsam frage ich mich, ob meine Augenlider nicht schon längst unter der Last nachgegeben haben aber eben einfach inzwischen genauso hell sind wie meine Vorhänge, und meine Hände, meine Hände, sie lieben ihr eigenes Trommeln so, und die braune Flasche fühlt sich so glatt und so leicht an, und das ist selten ein gutes Zeichen, und meine Schulter ist Treibholz, an das sich irgendwer klammert –

Sie schrickt auf und reißt die trägen trüben Augen auf, als ihr Mitbewohner sie an der Schulter packt und schüttelt. Er lacht über ihre Reaktion und stellt ihr eine volle Flasche Bier neben den Laptop. Seufzend nimmt sie einen tiefen kühlen Schluck. Seine Warnung, nicht mehr zu lange zu machen heute Nacht, ist Meeresrauschen, und ich stürze mich zurück in die Fluten.


So lange schon gefangen
im Vergehen.
Vergangenem vergebend,
nie er- und stets nur lebend.

Zu lange schon stehst du zum Sprung geduckt,
verharrt in hauchzarter Ironie vergessener Gesten.
Sprachen, unbegriffen: Laute und Formen.

Die Gegenwart
ist Lyrik
reiner Reime.
Deine, meine, einerlei: eine

oder einer muss
ausbrechen
nach vorne.



Anmerkung: Dies ist eine Fingerübung in sprachlicher Kameraführung und ein spontaner kleiner Beitrag für einen Freund. Falls du das liest: I'll go out fighting all of 'em. Danke.

Und Ben: der Schmerz muss noch ein wenig warten. Aber er kommt. (Immer.)

Samstag, 14. April 2012

Vom Häuten



„Die Schuppenflechte oder die Psoriasis (altgr. ψωρίασις; im Altertum fälschlicherweise gleichgesetzt mit der ψώρα psóra „Krätze“) ist eine Krankheit, die in typischen Fällen als Hautkrankheit auftritt, die sich im Wesentlichen durch stark schuppende, punktförmige bis handtellergroße Hautstellen (häufig an den Knien, Ellenbogen und der Kopfhaut) sowie Veränderungen an den Nägeln zeigt. Es handelt sich insoweit um eine Systemerkrankung in Form einer nicht-ansteckenden, entzündlichen Dermatose. Außerdem kann die Psoriasis auch andere Organe erfassen, vor allem die Gelenke und zugehörigen Bänder und angrenzenden Weichteile sowie die Augen und das Gefäßsystem. Die Ätiologie der Psoriasis ist vermutlich multifaktoriell (erbliche Disposition, Autoimmunreaktion) und noch nicht abschließend geklärt.“ (Wikipedia, 2012. http://de.wikipedia.org/wiki/Psoriasis Zugriff 14/04/2012)






Sie häutet sich.


Ihre Metamorphose ganz
kafkafrei und metapherlos. Tanz-
und bewegunsarm. Gestellt.
Indifferente (De)Platzierung.
Ihr Körper entwendet, entledigt, entstellt.
Nur häutende Masse.
Entfällt jeder Klassifizierung,
sagen die Ärzte.
Beherzte mutige Spiegelblicke:
ihr Körper plötzlich Objekt.


Vertraute Augen fassungslos fassend.
Bekannte Lippen bekennend:
wie nehme ich wahr
wie nehme ich mich wahr
wie nehme ich wahr wenn ich Wahrnehmende mir
Fremde(s) bin?

Sonntag, 1. Januar 2012

Transparenz





Jedes neue Jahr beginnt im Winter, also grau.
Es ist (mir) gleich.



Alles, was ich wissen muss, ist dein Name (oder der, den du dir gibst). Ich kann mich deiner bemächtigen, dich aufnehmen in mich und verdauen, ausspucken, dich anstreichen wie einen Schatten. Heute wie gestern, falls diese Worte überhaupt noch Bedeutung haben. Selbst wenn ein Feuerwerk zwischen ihnen lag sind sie doch nichts anderes als Zweitausendacht.


Was ist Zeit, was bist du, in einem Raum, der schon lange nur noch aus Nullen und Einsen besteht?




Ich sehe dich
(wie)
einen Bildschirm.


Hoch aufgelöst.
Laut losgelöst von Welt.
Der blinde Fleck entstellt
deinen Spiegel –
ein Riegel,
bestellt und nicht abgelöst.


Ich sehne mich
(still)
nach dem Buch.


Das sucht
und nicht findet.
Verstummt und erblindet
gebunden entbindet.
Die Wunde erfindet
und sie dann verbindet
mit schaurigem Schweigen.
Kein Deuten, nur Bleiben
zwischen schmerzdunklen Deckeln.






Wo wir gerade dabei sind: komm zum Workshop, auf dem ich präsentiere! Falls du gerade in der Gegend bist.
Falls nicht - das Internet ist überall! Und Byung-Chul Han ohnehin viel interessanter.


...and a happy new year!

Samstag, 8. Oktober 2011

Vom Bauen



01:42, gestern Nacht.


Ich laufe also heim, im Regen (Klischees sind noch viel ärgerlicher, wenn sie im echten Leben auftreten). Ich bekomme eine SMS, ich weiß dass sie nicht von dir ist, verbiete mir zu hoffen, mein Magen ignoriert mich wieder einmal. Natürlich ist sie nicht von dir sondern wieder von ihr.
Sie ist charmant und lustig. Ohne eine Miene zu verziehen schreibe ich „Haha,“ gefolgt von ein paar noch charmanteren und lustigeren Sätzen. Ich bin gut darin, Worte auf Worte zu stapeln, solide und gefällig.


Nur wie man eine Rede anfängt, die keinen Grundstein hat, das weiß ich nicht. Ich bin kein Architekt, ich bin Bauarbeiter. Ich wüsste nicht, wie ich die Gefühle, die du mir machst, anziehen sollte – geschweige denn in Worte mauern. Ich habe keine Baupläne.
Ich habe keine Pläne.


Mit etwas Glück wage ich es trotzdem, vielleicht wird eine Hütte draus. Oder sonst irgendeine bewohnbare Konstruktion. Wo es weniger kalt ist als draußen. Wo vielleicht ein bisschen Licht wäre.


Bis dahin schreibe ich ihr und baue Luftschlösser mit Kronleuchtern. Vermutlich zieht sie bald dort ein.
Ich habe keine Pläne.
Ich habe wenig Hoffnung.




ich mag das wie sie mich mag wie sie
mir oft schreibt und sich mühe gibt dabei und wie
sie mich ansieht wenn ich gut aussehe


ich mag das weniger wie du meine zeit
stiehlst und mir liebend die haare zer-
reißt wenn sie mir mal ausgeht


vielleicht mag ich es nur deshalb so wie sie
sicherlich gut im bett und immer oben
wäre wenn du nicht


immer oben wärst und ihren platz
stehlen und mich sicherlich noch mehr ver-
irren würdest wenn ich nur
ein bisschen mehr zeit für dich hätte








Anmerkung: Nach viel Surrealismus, Märchen und Natur jetzt mal wieder harter, postmoderner Realismus. Ich hoffe ich (und wir) haben's nicht verlernt!

Montag, 3. Oktober 2011

Von den Grenzen


Er lehnte sich tief zurück in seinem Lieblingssessel. Er war einer der unbequemsten Sessel in seiner teuer eingerichteten Wohnung, nur getoppt von der französischen Voyeuse, dem Konversationsstuhl, dessen Lehne sich einem in den Rücken presste und der sein Fortleben in der Wohnung allein seinem hohen Kaufpreis und der bemerkenswerten Ähnlichkeit seines Polsterbezugs mit der Tapete verdankte.

Die Sprungfedern drückten sich schmerzhaft durch den dünn gesessenen Bezug in seine knochigen Oberschenkel und seinen verspannten Rücken. Mit jedem Schluck Whisky, den er nahm, überschlug er im Kopf grob, wie viel Geld er da gerade trank. Eine uralte Angewohnheit, die sein Konsumverhalten vor Jahren geprägt und ihn zum Teil dorthin gebracht hatte, wo er heute war, und die er nun, da er mehr Geld hatte als er ausgeben konnte, nicht mehr abstellen konnte.

Müde rieb er sich die Augen und Schläfen, an denen sein Haar bereits schütter war. Er hatte die Papiere, die er sich mit nach Hause genommen hatte, durchgearbeitet und noch über fünf Stunden, bevor er wieder aufstehen musste. Zuviel Zeit, um jetzt schon ins Bett zu gehen, zu wenig Zeit um sich noch eine Prostituierte zu bestellen. Mit seiner fünf Stunden Regel (wie mit allen seinen Regeln) war er streng.

Seufzend strich er über die blassgrüne Armlehne seines Sessels und leerte sein Glas. Er erlaubte sich einen kurzen, nostalgischen Traum über die Frau, die ihm den Sessel vor vielen Jahren geschenkt hatte. In einer Wohnung, in der blassgrün nicht deplatziert schien. In einem Leben, in dem es vorgeschriebene, nicht selbstgemachte Grenzen gab.
Um Punkt 02:00 Uhr morgens löschte er das Licht, putzte sich die Zähne und ging ins Bett.


Ich muss wändelehnen
und grenzendehnen,
Räume erfüllen und
Träume enthüllen.

Ich will mich er-fühlen.
Mein Geschlecht zer-wühlen,
meinen Kopf zer-spüren
und mein Herz ent-rühren.

Im Fesselnsprengen,
im Kräftekennen –
nur im Kampf
bin ich.