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Freitag, 16. März 2012
Zwischenräume
Man sagt ja, die Augen seien der Spiegel der Seele. Das ist so nicht ganz richtig. Tatsächlich habe ich festgestellt, dass sie mehr eine Tür sind.
Ich hatte so einen Verdacht, lange bevor ich Beweise hatte. Meine Theorien gründeten sich auf die detaillierte Lektüre phantastischer Literatur sowie einige flüchtige Ausflüge in die kognitive Psychologie, welche zwar immer recht unterhaltsam aber zum Großteil wenig hilfreich waren. Das Problem mit Türen ist natürlich, dass man sie absperren kann, was die meisten Menschen denn auch tun. Weniger aus egoistischen Gründen, wie ich meine, sondern mehr aus Nächstenliebe. So eine Seele ist ja in der Regel weit weniger glamourös als das klangvolle Wort mit seinen drei Es durchblicken lässt. Um es anders auszudrücken, Menschen, die im Erdgeschoss wohnen, schaffen sich die Vorhänge nicht an, weil sie so stolz auf ihr geschmackvoll eingerichtetes und stets ordentliches Wohnzimmer sind.
Tatsächlich öffnen Menschen ihre Augentüren sehr viel eher für Dinge als für andere Menschen. Das stellte ich fest, als ich nach monatelangen fruchtlosen Einbruchsversuchen meiner damaligen Freundin den Weinkorken unseres ersten gemeinsamen Abendessens zu irgendeinem Jubiläum, ich glaube es war ein fünfjähriges, schenkte. Zunächst dachte ich, sie sei enttäuscht, weil sie, wie ich wusste, seit einiger Zeit einen Ring erwartete, doch dann erkannte ich dass das, was ich für Schatten oder Tränen gehalten hatte, die weit geöffneten Tunnel ihrer Augen waren.
Nach dieser Entdeckung war alles ganz einfach. Ich scheute keine Kosten und Mühen (extravagante Abendessen, Reisen, Kunstwerke, schließlich der Ehering) um etwas Übung zu gewinnen, und es dauerte kaum zwei Jahre, da konnte ich durch Türspalten schlüpfen, an denen Katzen gescheitert wären. Oft reichten der Anblick von Schokolade oder einem Designerkleid bei Frauen, ein Fußball oder eine Bierflasche bei Männern, um mich einzulassen.
Doch ich muss euch sagen, irgendwann versiegt die Neugierde. Die meisten Menschen ähneln sich und die, die sich von der Masse unterscheiden, sind weit öfter erschreckend als erfreulich. Seit langem schon habe ich es aufgegeben, in andere Menschen einzudringen. Ich bin inzwischen lieber allein und ungestört. Es macht mir nichts aus, die Ergebnisse meiner mühevollen Arbeit mit euch zu teilen, sie erscheinen mir leider sehr unbedeutend.
Unter uns, ich arbeite an einem neuen Projekt. Ich versuche, Einblick in meine Seele zu bekommen. Dafür habe ich mir bereits diverse Spiegel sowie Fotoapparate, Videokameras und Webcams besorgt. Auf all diesen Oberflächen starre ich nun jeden Tag stundenlang in meine Augen. Aber ich fürchte, genau da liegt das Problem. Um es anders auszudrücken, meine Augen öffnen sich für mein Gesicht keinen Millimeter. Mein Gesicht öffnet meine Augen keinen Millimeter.
Keinen Millimeter.
Zwischen uns liegt
Raum,
tief und weit(er).
Wir vergessen den
Zaun,
fallen frei(er).
Abgründe halten unseren Atem (an).
Zungen verbrennen beim Auf-
zergehen.
Augen erblinden beim Aus-
versehen.
Gerüche verirren im Sommer-
erblühen.
Knochen zerknirschen beim Ein-
zerfühlen.
Abgründe halten unsere Sinne (gefangen).
Natürlich sind wir gegen die Natur.
Wir bauen brüchige Brücken,
wir brechen Hälse und Rücken
in wütenden Sprüngen.
Doch abends dann, wenn wir zu müde sind,
begnügen wir uns damit in den Schlund
ein blickgespicktes Wort zu schicken, flehend
dass Echos wohl die andre Wand erklimmen
und dass der andre das, was unsren Mund
einmal verließ, entstellt, vielleicht versteht.
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Surrealismus,
Transparenz
Sonntag, 26. Februar 2012
Vom Wachsen
Wortlos teilten die Schwestern ihre Einkäufe auf dem wackligen hölzernen Küchentisch. Auf den ersten Blick hätte man meinen können, der Tisch sei ein Fließband und die beiden Mädchen Fabrikarbeiterinnen mit Haarnetzen anstatt Mützen, so präzise waren ihre Bewegungen.
An beiden Enden des Tisches türmten sich bereits die Einkäufe, die, mit ganz wenigen Ausnahmen, eigentlich identisch waren.
Braeburn Äpfel (beide), Bäckertüten – Form und Größe nach zu urteilen wohl zwei bis drei Brezen (beide), Joghurt (links drei Natur, rechts drei Erdbeere, selbe Marke), Milch (beide, selbe Marke, jeweils zwei Packungen), Espresso (beide, selbe Marke, kleine Packung), Grapefuitsaft (links), Mandarinen (beide, jeweils ein ganzes Netz), Frischkäse (links eine bekannte Marke, fettarm, rechts die günstigere Variante, ebenfalls fettarm), Poppadom (rechts), Shrimps in Salzlake (beide, selbe Marke, mit MSC Siegel), Weißkohl (beide), Eisbergsalat (beide, jeweils ein Kopf), Erdnüsse mit Schokoladenüberzug (links, bekannte Marke), Karotten (beide), Dosenmais (beide), Weizenmehl Typ 405 (rechts).
Nachdem alles geteilt wurde machten sie sich daran, mit derselben Präzision sämtliche Utensilien in der Küche zu verstauen. Auch hier schienen sie ihre Gebiete abgegrenzt zu haben, wenn auch für den Nichteingeweihten weniger deutlich in links und rechts unterteilt.
Schließlich sahen sie sich gründlich um, überprüften die leeren Einkaufstüten ein letztes Mal, dann nahm die Ältere zwei der gerade erst eingeräumten Joghurtbecher (einen Natur, einen Erdbeer) aus dem Kühlschrank und zwei Löffel aus der Besteckschublade. Die Jüngere nahm ihren (Natur) mechanisch entgegen, fast ohne hinzusehen, und griff gleichzeitig in ein Vorratsregal, um den Honig zu holen.
Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer, wo sie den Fernseher anschalteten. Stumm löffelten sie ihre Joghurts als die Jüngere plötzlich innehielt und ihre Schwester mit dem Ellenbogen anstieß. Die schreckte auf und sah sie verwirrt an. Unsicher hob die Jüngere ihren Löffel mit feinen Honigfäden und glänzend weißem Naturjoghurt aus dem Becher und bot ihn ihrer Schwester zum Probieren an. Diese neigte sich misstrauisch, zögerlich, langsam vor, ihre Augen wanderten nervös zwischen dem Gesicht der Anderen und dem Löffel hin und her, bis sie schließlich, in einer schlangenschnellen Bewegung, zuschnappte.
Wir haben nie gelernt
in die Dimension zu wachsen,
wir kennen nur Richtungen.
Das Vor und Zurück der Schritte,
das Auf und Ab der Stimmungen.
Wir haben nie verstanden
das Loslassen zu umarmen,
wir hängen so an der Einheit.
Haut eng an Muskeln eng an Skelett,
allein Haare, getrimmt, strecken sich.
Irgendwann, wenn wir erschöpft nachgeben,
erkennen wir uns im Atem, im Geruch, im Blickfeld,
wir geben das Wachsen auf und weiten uns, aneinander, ineinander,
fort.
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Samstag, 24. Dezember 2011
Das Schwefelweib
Oder: Ein Körper erzählt
Ihre Zähne sind schwarz und vereinzelt wie die Schlote der Fabriken an den Stadträndern. Kaum einer hat diese Zähne je gesehen, sie geizt mit ihrem Lächeln wie mit ihren Worten. Man sagt sie sei einst ein Zündholzmädchen gewesen, das schönste und ärmste des Landes. Doch was man in ihrem rußigen Gesicht noch von Schönheit finden kann, muss man suchen.
Und das wäre ein Wagnis unter ihrem gelben harten Blick.
Trotzdem: wenn Männer (und auch einige Frauen, vor allem die Zündholzmädchen) von ihr sprechen, so schwingt stets auch ein wenig Begehren in den vertraulich gesenkten Stimmen mit.
Sie wohnt nicht mehr in der Stadt (falls sie es jemals tat) und ist schon lange in die Wälder zu den Köhlern gezogen. Dort macht sie Zündhölzer, die sie – immer noch? – selbst verkauft. Nie würde sie ein Mädchen für diese Arbeit anstellen. Vielleicht kommen daher die Gerüchte. Der Mensch liebt die Narben anderer.
Man erkennt sie schon von weitem an ihren langen, verfilzten Haaren und der rußgeschwärzten Kleidung. Der Schwefelgeruch folgt ihr wie ein lästiger Liebhaber, den sie schon lange nicht mehr bemerkt. Ihr auffälligstes Merkmal aber, die vernarbten Wangen, sieht man erst von Nahem. Es sind keine tiefen Narben oder hohe Wülste wie von schweren Schnittwunden, vielmehr ein feines Geflecht, fast wie Wurzelwerk oder Blattadern.
Mit diesen Narben sticht sie selbst das schönste und ärmste Zündholzmädchen aus.
An kalten Wintertagen steht sie versteckt in Hauseingängen oder an Fensterscheiben zu warmen Stuben. Sie muss ihre Kunden nicht suchen, sie wird gesucht.
So steht sie, greift sich manchmal ein Zündholz aus der einen Manteltasche, eine Zigarette aus der anderen, und entzündet mit einem energischen Ruck des Handgelenks das Holz an ihrer Wange. Dann nimmt sie ein, zwei tiefe Züge ihrer Zigarette, spuckt aus und gibt sie einem Vorbeigehenden, Obdachlosen, meist aber den Zündholzmädchen. Diese Geste hat, obwohl sie stets stoisch ausgeführt wird, etwas Herrisches, Herabwürdigendes. Niemand wagt es, diese Zigarette abzulehnen, nicht einmal die Nichtraucher, vor allem aber nicht die Mädchen. Es heißt sie sammelten die Filter und tauschten sie untereinander.
Ihr Geschäft scheint gut zu laufen, wenn ein besonders schöner junger Mann oder eine herausragend bezaubernde junge Frau zu ihr kommt, hält sie ihnen stumm die Wange hin, damit sie ein Streichholz daran entzünden können. Auch dieses Angebot wird nie ausgeschlagen und egal wie sehr alle betonen, wie unangenehm und unheimlich der gesamte Handlungsablauf sei, hat noch niemand, dem diese zweifelhafte Ehre zuteilwurde, davon berichten können ohne rot zu werden und gegen das stolze Lächeln anzukämpfen.
Man sagt, sie wäre schon zweimal gestorben, einmal vor Kälte, einmal im Feuer. Man sagt, vielleicht habe sie das hilflose, stumme Sehnen derer, die von ihr wissen, zurückgebracht. Oder vielleicht die Kälte, die sie hinterließ.
Ihre Figur ist raues dünnes Holz, ihr Gesicht ist aufreibend. Niemand kennt sie tatsächlich, darum ist es eigentlich müßig, diese Gerüchte zusammenzufassen. Ihr Körper erzählt, aber er lügt wahrscheinlich.
der körper erzählt (lügt nie)
nichts neu- nichts alt- nichts änd-
ernd alles andere nur gefühl und er
-inner-
ung
narben (risse) flüstern (fressen) von
verbissenen verflossenen
wissenden
zitternd (nie zaudernd)
witternd (nie lauernd)
ver-
harrt er der dinge die da
mögen
Ihre Zähne sind schwarz und vereinzelt wie die Schlote der Fabriken an den Stadträndern. Kaum einer hat diese Zähne je gesehen, sie geizt mit ihrem Lächeln wie mit ihren Worten. Man sagt sie sei einst ein Zündholzmädchen gewesen, das schönste und ärmste des Landes. Doch was man in ihrem rußigen Gesicht noch von Schönheit finden kann, muss man suchen.
Und das wäre ein Wagnis unter ihrem gelben harten Blick.
Trotzdem: wenn Männer (und auch einige Frauen, vor allem die Zündholzmädchen) von ihr sprechen, so schwingt stets auch ein wenig Begehren in den vertraulich gesenkten Stimmen mit.
Sie wohnt nicht mehr in der Stadt (falls sie es jemals tat) und ist schon lange in die Wälder zu den Köhlern gezogen. Dort macht sie Zündhölzer, die sie – immer noch? – selbst verkauft. Nie würde sie ein Mädchen für diese Arbeit anstellen. Vielleicht kommen daher die Gerüchte. Der Mensch liebt die Narben anderer.
Man erkennt sie schon von weitem an ihren langen, verfilzten Haaren und der rußgeschwärzten Kleidung. Der Schwefelgeruch folgt ihr wie ein lästiger Liebhaber, den sie schon lange nicht mehr bemerkt. Ihr auffälligstes Merkmal aber, die vernarbten Wangen, sieht man erst von Nahem. Es sind keine tiefen Narben oder hohe Wülste wie von schweren Schnittwunden, vielmehr ein feines Geflecht, fast wie Wurzelwerk oder Blattadern.
Mit diesen Narben sticht sie selbst das schönste und ärmste Zündholzmädchen aus.
An kalten Wintertagen steht sie versteckt in Hauseingängen oder an Fensterscheiben zu warmen Stuben. Sie muss ihre Kunden nicht suchen, sie wird gesucht.
So steht sie, greift sich manchmal ein Zündholz aus der einen Manteltasche, eine Zigarette aus der anderen, und entzündet mit einem energischen Ruck des Handgelenks das Holz an ihrer Wange. Dann nimmt sie ein, zwei tiefe Züge ihrer Zigarette, spuckt aus und gibt sie einem Vorbeigehenden, Obdachlosen, meist aber den Zündholzmädchen. Diese Geste hat, obwohl sie stets stoisch ausgeführt wird, etwas Herrisches, Herabwürdigendes. Niemand wagt es, diese Zigarette abzulehnen, nicht einmal die Nichtraucher, vor allem aber nicht die Mädchen. Es heißt sie sammelten die Filter und tauschten sie untereinander.
Ihr Geschäft scheint gut zu laufen, wenn ein besonders schöner junger Mann oder eine herausragend bezaubernde junge Frau zu ihr kommt, hält sie ihnen stumm die Wange hin, damit sie ein Streichholz daran entzünden können. Auch dieses Angebot wird nie ausgeschlagen und egal wie sehr alle betonen, wie unangenehm und unheimlich der gesamte Handlungsablauf sei, hat noch niemand, dem diese zweifelhafte Ehre zuteilwurde, davon berichten können ohne rot zu werden und gegen das stolze Lächeln anzukämpfen.
Man sagt, sie wäre schon zweimal gestorben, einmal vor Kälte, einmal im Feuer. Man sagt, vielleicht habe sie das hilflose, stumme Sehnen derer, die von ihr wissen, zurückgebracht. Oder vielleicht die Kälte, die sie hinterließ.
Ihre Figur ist raues dünnes Holz, ihr Gesicht ist aufreibend. Niemand kennt sie tatsächlich, darum ist es eigentlich müßig, diese Gerüchte zusammenzufassen. Ihr Körper erzählt, aber er lügt wahrscheinlich.
der körper erzählt (lügt nie)
nichts neu- nichts alt- nichts änd-
ernd alles andere nur gefühl und er
-inner-
ung
narben (risse) flüstern (fressen) von
verbissenen verflossenen
wissenden
zitternd (nie zaudernd)
witternd (nie lauernd)
ver-
harrt er der dinge die da
mögen
Mittwoch, 14. Dezember 2011
Die Jagd
Das Haselmull drückt seinen kleinen nackten, blassen Körper tief in die dunkelste Ecke des Unterholzes und lauscht. Seine graue Haut, die sich dünn über den filigranen Knochen spannt, zittert sanft vor Kälte und Aufregung. Scheu richtet es sich auf und wittert. Die schwarzen langen Wimpern über den halbblinden Knopfaugen flattern hoffnungsvoll. Da, da ist es. Das Geräusch, die Erschütterung, nach der es Ausschau gehalten hatte.
Das Traben des Rotwolfs ist weithin zu hören. Sein Geruch ist so scharf, dass selbst du ihn aus mehreren hundert Metern Entfernung wahrnehmen könntest. Er muss nicht schleichen oder pirschen. Er lacht heulend.
Das Mull versteckt sich weiterhin. Das gehört zum Spiel. Zur Jagd. Es hört den Wolf näher und näher kommen, knurren, wüten, Äste zerbrechen und kleine Gewächse entwurzeln. Es muss den richtigen Moment abwarten, darf sich nicht zu früh zeigen, den riesigen Rotwolf nicht verschrecken.
Ein Haselmull ist keine lohnende Beute aber ein gerissener Jäger.
Es hört den Wolf näherkommen, das Geäst bebt unter seinen sicheren Schritten. Sein Geruch ist betörend. Nun ist er schon fast am Versteck des Haselmulls. Das Herz des Mulls pocht als es verschwommen die schweren roten Vorderpfoten erblickt.
Es schießt aus dem Unterholz hervor, unter den kräftigen Körper des Wolfs, dann blitzschnell zwischen seinen Vorderpfoten hindurch. Wie zufällig den Nacken entblößend. Einladend. Bittend.
Der Wolf, mechanisch, schnappt zu.
Deine Schritte zerreißen mich.
Bitte zerbeiß mich nicht
ohne dein heiseres Wildgeschrei.
Pack meinen Nacken,
verrenke Gelenke und
schlage mein Zagen nicht
ohne dein leiseres Lustgestöhn.
Verwöhne meine Schauer.
Schau genauer:
wir sind blutwarm,
nie handzahm,
entrückt,
geschmückt mit Lachen
machen wir die Nacht
zur Wacht
und selbst an Tagen –
lass uns noch einmal Jagen
spielen.
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Beziehungs-weise,
Surrealismus
Samstag, 8. Oktober 2011
Vom Bauen
01:42, gestern Nacht.
Ich laufe also heim, im Regen (Klischees sind noch viel ärgerlicher, wenn sie im echten Leben auftreten). Ich bekomme eine SMS, ich weiß dass sie nicht von dir ist, verbiete mir zu hoffen, mein Magen ignoriert mich wieder einmal. Natürlich ist sie nicht von dir sondern wieder von ihr.
Sie ist charmant und lustig. Ohne eine Miene zu verziehen schreibe ich „Haha,“ gefolgt von ein paar noch charmanteren und lustigeren Sätzen. Ich bin gut darin, Worte auf Worte zu stapeln, solide und gefällig.
Nur wie man eine Rede anfängt, die keinen Grundstein hat, das weiß ich nicht. Ich bin kein Architekt, ich bin Bauarbeiter. Ich wüsste nicht, wie ich die Gefühle, die du mir machst, anziehen sollte – geschweige denn in Worte mauern. Ich habe keine Baupläne.
Ich habe keine Pläne.
Mit etwas Glück wage ich es trotzdem, vielleicht wird eine Hütte draus. Oder sonst irgendeine bewohnbare Konstruktion. Wo es weniger kalt ist als draußen. Wo vielleicht ein bisschen Licht wäre.
Bis dahin schreibe ich ihr und baue Luftschlösser mit Kronleuchtern. Vermutlich zieht sie bald dort ein.
Ich habe keine Pläne.
Ich habe wenig Hoffnung.
ich mag das wie sie mich mag wie sie
mir oft schreibt und sich mühe gibt dabei und wie
sie mich ansieht wenn ich gut aussehe
ich mag das weniger wie du meine zeit
stiehlst und mir liebend die haare zer-
reißt wenn sie mir mal ausgeht
vielleicht mag ich es nur deshalb so wie sie
sicherlich gut im bett und immer oben
wäre wenn du nicht
immer oben wärst und ihren platz
stehlen und mich sicherlich noch mehr ver-
irren würdest wenn ich nur
ein bisschen mehr zeit für dich hätte
Anmerkung: Nach viel Surrealismus, Märchen und Natur jetzt mal wieder harter, postmoderner Realismus. Ich hoffe ich (und wir) haben's nicht verlernt!
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Beziehungs-weise,
Realismus
Sonntag, 18. September 2011
Das Rauhtierchen
Es lebt in Sonnen-, Stern- und Mondkleidern, gleißend unter seinem Rauchpelzmantel. Verborgen unter Herbstlaub und trockenen Zweigen, die meist nur von buckligen Weibern mit Rindenhänden oder groben Köhlern mit Kohlefingern auf der Suche nach Feuerholz beiseitegeschoben werden. Setz deine Schritte mit Vorsicht, wenn du das nächste Mal nach Pilzen suchst, und lass deine Flinte zuhause. Schreck es nicht auf.
Es spinnt deine Träume und wickelt sie auf seine Goldhaspel. Es lädt dich ein in seine Nussschale, in dem auch die grüne Fee oft zu Besuch ist. Und die Träume, die du nie hattest, wird es dir dort erfüllen.
Gestern erst war ich dort. Meine Träume sind braun und trüb wie ein Fluss nach einem Unwetter. Ich liebe mein Tierchen in seinem Rauchpelzmantel und will die Kleider nicht sehen.
Seine kleinen Brüste zitterten wie Vogelkehlen unter meinen Händen.
Es hört auf viele Namen. Peau d’Âne, Allerleirauh, Rauchfell. Nur den Namen Erdtochter hat es gemeinsam mit seiner Menschenhaut abgelegt.
Ich rufe es mein Rauhtierchen.
Suche es. Finde es. Halt es und gib es frei.
Den Ring trägt es schon.
Ich bin stets die,
die du willst.
Stillst meinen Durst
mit Blicken.
Wirst meine Lust
ersticken.
Ich bin stets das,
was du brauchst.
Rauchst meinen Atem
wie Drogen.
Raubst meinem Warten
den Glauben.
Trinkst meinen Schatten
wie gärende Trauben
und spannst einen glatten
und singenden Bogen
auf mein stolperndes Vogelherz.
Liebesschmerz und holprige Worte
umschwirren meine Wünsche
wie Motten die Monde,
wie Mücken die Sümpfe.
Mittwoch, 7. September 2011
Vom Begraben
Oder: Vom Leben
Die kleine Seefrau huschte wieder einmal im schwarzen Wald herum. Man sah sie dort immer öfter neuerdings, mit dem ewig hängenden Kopf, dem schiefen Gang und den tiefen Falten zwischen den meerblauen fischblanken Augen. Früher wusste man immer genau wo sie sich gerade aufhielt, man musste nur den Schmerzensschreien und dem Heulen und Wimmern folgen. Inzwischen hatte sie gelernt auf ihren zerschnittenen Messerfüßen leiser zu laufen als die Schatten über die Baumstämme und flinker zu entschlüpfen als die Nachtmahre durch die Kamine. Nur die bitteren Züge um die blassen Lippen und das leicht groteske o-beinige Humpeln, das sie sich angewöhnt hatte, deuteten darauf hin, dass die Schmerzen noch immer da waren, auch wenn sie sie zu einem Teil von sich gemacht hatte.
Wie jedes Mal auf ihren Streifzügen griffen ihr die Bäume in das lange weiße sich windende Meerschaumhaar in der Hoffnung, ein paar Stränge zu ergattern. Doch sie stieß weder ihr gurgelndes Lachen noch ihre donnernden Schimpftiraden aus. Die Bäume, Gräser, Käfer und Geisterseelchen, die sie passierte, wunderten sich.
In einem schmutzigen Tuch, das wie ein Bettlaken aussah, trug sie etwas. Tief im Herzen des schwarzen Waldes an einer Stelle, die ebenso schwarz wie jede andere in diesem verwunschenen Ort war, fiel sie plötzlich auf die Knie und fing an mit ihren feinen Fingern zu graben. Ein paar Wurzeln knarzten gekränkt doch auch dies strafte sie mit Schweigen.
Schließlich nahm sich eines der Geisterseelchen ein Herz und fragte sie in der Sprache der Meerjungfrauen, was das in dem Betttuch sei. Geisterseelchen sprechen die Sprachen aller Lebewesen, aber sie sprechen nicht gerne. Das klingt auf Anhieb traurig und ironisch, aber wenn man darüber nachdenkt ist es doch ziemlich verständlich.
Die Meerfrau aber schüttelte wütend den Kopf und ihre Brunnenaugen, die sonst eigentlich nur zur Traurigkeit taugten, sprühten Funken. Manchmal mochte sie es nicht, wenn man in der Sprache der Meerjungfrauen mit ihr sprach. Manchmal weinte sie vor Glück, wenn man es tat. Es kam immer ein wenig auf den Tag an, und das wiederum hing hauptsächlich von der Frau ab, die sie Mutter nennen musste und der das winzige Zimmer in dem riesigen Haus, in dem die Meerfrau mit anderen weiblichen Verirrten lebte, gehörte. Die Mutter mochte es nicht, wenn die Meerfrau in den Wald ging, denn obwohl sie nicht wusste, was genau dort vor sich ging, so hatte sie doch das Gefühl dass es etwas war, woran sie einige Silber- oder gar Goldkörner hätte verdienen können. Jedes Mal wenn die Meerfrau von ihren Streifzügen zurückkam klapperten die Schlangenhaare der Mutter bedrohlich.
Das Geisterseelchen (der Himmel weiß woher es diesen Mut nahm) versuchte es noch einmal in der Sprache der Menschen. Diesmal seufzte die Meerfrau nur, nahm das Bündel und stopfte es grob in das Loch, das sie gegraben hatte. Sie schien konzentriert zu überlegen während sie das Loch mit Erde bedeckte und schließlich sagte sie bedächtig und mit ihrem hallenden, tropfenden Meeresaktzent in der Sprache der Silberhirsche: „Ich begrabe meine Sprache.“
Verwirrt sahen sich alle Bewohner des schwarzen Waldes, die sie bis dahin beobachtet hatten, an. Eine Feuerlibelle holte den Silberhirsch, mit dem die Meerfrau seit Jahren hin und wieder schlief und für den sie überhaupt erst die Sprache der Hirsche gelernt hatte. Die Libelle hatte die beiden oft heimlich beobachtet und sich über die Geräusche und das Ringen der beiden weißen Körper in all dem Schwarz gefreut. Der Hirsch flog auf seinen schlanken Beinen und hatte sie eingeholt, lange bevor sie den Wald wieder verlassen konnte. Dankbar setzte sie sich auf seinen Rücken um sich das letzte Stück tragen zu lassen und massierte ihre Messerfüße.
„Warum hast du das getan?“ fragte der Hirsch, sehr langsam und deutlich sprechend, damit sie ihn verstehen konnte. Als sie nichts sagte fügte er hinzu: „Die Sprache der Menschen sprichst du nur mit der Mutter und im Haus. Meine Sprache sprichst du kaum. Wie willst du hier weiter leben?“
Die Meerfrau warf einen traurigen Blick in die Richtung, in der sie ihren Strand vermutete. Dann antwortete sie unsicher: „Aber ich lebe jetzt hier.“ Sie legte die erdverkrustete Hand um das kühle Geweih des Silberhirschen und fügte mit einem leisen Lächeln hinzu: „Du musst jetzt oft mir mit schlafen und sprechen.“
Der Hirsch warf sie mit einem Ausruf, der sich in unserer Sprache schlecht wiedergeben lässt, ab. Die Feuerlibelle jauchzte leise und versteckte sich im Gebüsch.
Darwins Wünsche belauern sich
wie Haie in deinem Herzen.
Sie messen, fressen, verdauen sich.
Du trägst sie, begräbst sie und trauerst nicht.
Was bleibt sind Wehenschmerzen
und Morgen-übelkeit.
Acrosswords is back online! Ich hatte jetzt für über einen Monat keine feste Bleibe. Nun, da ich wieder eine Wohnung und Internetanschluss habe werden die posts hoffentlich wieder etwas regelmäßiger kommen.
Zum Text an sich: ich bin noch einmal zum Surrealismus zurückgekehrt und habe ein bisschen die Genres mit Märchen vermischt. Gut durchgeknetet und bei 36° für ein paar Stunden in den Kopf - und schon haben wir den neuen Blogeintrag.
Am besten warm zu genießen, mit einer Prise Nelly Sachs:
Ein Fremder hat immer
seine Heimat im Arm
wie eine Waise
für die er vielleicht nichts
als ein Grab sucht.
seine Heimat im Arm
wie eine Waise
für die er vielleicht nichts
als ein Grab sucht.
- Danke, Mama, für den Hinweis auf das Gedicht und die Inspiration!
Sonntag, 10. Juli 2011
Das Gewitter
Sie trug ihr Kleid aus abgestreiften Schlangenhäuten. An manchen Stellen wurde es schon brüchig, die Häute waren nun einmal ein paar Jahre alt und recht trocken, obwohl sie das Kleidungsstück regelmäßig mit verschiedenen Tierfetten einrieb. Wenn sich irgendwo aber doch ein Loch auftat, nähte sie eine Pfauenfeder darüber. Sie schwitzte so sehr, dass die schillernden Häute an ihr klebten und tatsächlich so aussahen, als seien sie Teil ihres Körpers.
Bedächtig und mit zitternder Hand zog sie die Mandelform ihrer Augen nach, links mit einem grünen Stift, rechts mit einem blauen. Dann begann sie mit Lidschatten in ähnlichen Farbtönen weiterzuarbeiten, bis sie sich in ihrem Spiegel aus zwei schillernden Pfauenaugen anblickte. Sie lächelte zufrieden, wischte sich über die feuchte Stirn und warf einen hastigen Blick aus dem Fenster. Die Wohnung im sechsten Stock bot ihr einen wunderbaren Blick über München, und einen noch besseren Blick auf den Himmel. Die Wolken, die vor kurzem noch verstreut und weiß am Himmel herumgeirrt waren, hatten sich inzwischen zusammengefunden und dunkel verfärbt.
Sie jauchzte unterdrückt bei dem Gedanken an das nahende Gewitter. Sie würde es begrüßen wie einen alten Freund und sich ein wenig mit ihm unterhalten. Vielleicht auch mehr. Sie war vorbereitet.
Schnell wandte sie sich wieder dem Spiegel zu und konzentrierte sich auf ihre Lippen. Ihr Mund war keiner dieser runden, vollen, weichen Münder, die so süß und sanft aussahen wenn sie Brauntöne trugen. Nein, ihre Lippen waren scharf geschnitten wie Messerklingen und brauchten dunkles Violett, das schon ins Schwarze überging. Bedächtig trug sie es auf.
Dann betrachtete sie sich verzückt in ihrer schillernden Schönheit. Ja, sie war bereit für das Gewitter und alles, was es ihr bringen sollte.
Sie setzte sich unruhig auf das Bett und scheuchte die Katzen weg, die sich darauf bissen, weg. Sie wollte keine Zuschauer.
Die Wolken bewegten sich träge und zäh wie Honig. Doch sie kamen nicht näher.
Sie fühlte die Panik und die Wut in sich aufsteigen, während ihr das Makeup in bunt leuchtenden Schweißbächen über das Gesicht lief. Es würde vorbeiziehen. Es würde vorbeiziehen.
Als die Klingel läutete sprang sie keifend auf, stürmte zur Tür und riss sie auf.
„Was?“ zischte sie. Die bunten Schweißtropfen mischten sich mit Tränen, sammelten sich an ihrem Kinn und fielen auf das durchsichtige Kleid.
Der kleine alte bucklige Nachbar von Gegenüber zog freundlich seinen völlig durchnässten Hut, wrang ihn verlegen kurz aus und steckte ihn dann schnell in die Tasche seines ebenso nassen bodenlangen Mantels ehe er sagte: „Verzeihen Sie die Störung, ich bin auf dem Heimweg in dieses furchtbare Gewitter gekommen und mir fiel ein, dass ich keinen Honig mehr habe. Sie wissen ja sicher selbst, dass eine heiße Milch nur mit Honig vor Erkältung schützen kann. Vom Geschmack ganz zu schweigen.“ Er lächelte milde und vermied es höflich, auf ihre nackten, schlangenhautbedeckten Beine oder Brüste zu sehen.
Sie hatte völlig erstarrt zur Kenntnis genommen, dass er ihr Gewitter erlebt hatte und nun, wie um sie zu verspotten, ein heißes Getränk zu sich nehmen wollte, während sie buchstäblich zerfloss. Sie öffnete die Tür ein wenig weiter und verzog das Gesicht unter der flüssigen Makeup Schicht zu einem Lächeln.
„Kommen Sie doch bitte herein. Wir werden sehen, was ich für Sie tun kann.“
Das Warten
ist eine lange Sommerhitze
die gelassen
wie ein Lächeln
das Versprechen auf Gewitter
trägt
Das Warten
ist ein blanker Sommerhimmel
ohne Horizont
in dem du fällst
in dem niemand dich fängt
Arme klebrig vom Schweiß
Manchmal spielt es
manchmal lügt es
wie eine Frau
und du hoffst und fällst
(vielleicht doch in die Spinnenumarmung)
und du seufzt enttäuscht
und sehnst dich heimlich nach
dem Danach
in diesem Fall: dem Schlag
Anmerkung: Hier mal wieder etwas eigenes. Ich muss mich wohl erst wieder hineinfinden, aber dieser Text hat mir wirklich Spaß gemacht. Stilistisch angelehnt an Leonora Carrington und den Surrealismus allgemein. Eine kleine Fingerübung sozusagen (ich werde, auf lange Sicht, vermutlich bald wieder zum Realismus zurückkehren).
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Surrealismus
Donnerstag, 7. April 2011
Betrügen: eine Anleitung
Sie war selten von so vielen schönen Männern umgeben gewesen. Noch viel seltener war sie von so vielen schönen Männern bemerkt worden. Und noch nie hatten sich so viele schöne Männer um sie gerissen.
Es war ihr egal dass all die Aufmerksamkeit, die ihr entgegengebracht wurde, ganz offensichtlich daher rührte, dass sie das einzige Mädchen im Raum war. Sie genoss sie in vollen Zügen.
Der Vampir war mit Sicherheit der direkteste ihrer Anwerber. Er füllte ihre Getränke nach bei jedem Schluck, den sie nahm, er berührte sie leise, er lächelte sein kaltes Lächeln und stellte sicher, dass sein schlanker hochgewachsener Körper stets in ihrer Nähe war.
Der Prinz brachte sie zum Lachen. Seine blonden Locken fielen ihm in die Stirn und in die braunen Augen, die ihren Blick im Schraubstock hielten und nicht freigaben.
Der Däne hatte etwas Anziehendes in seiner stillen Zurückhaltung. Obwohl er sie nicht einmal direkt anzusprechen wagte war er präsent für sie, physisch und psychisch. Er warf mit seinem harten Akzent große Worte in die Runde, die sie nicht verstand und die sich in unter ihre Haut schraubten.
Der Fuchs betrachtete sie aus der Ferne, sein grauer Blick wanderte scheu durch die Männermenge und anstatt zu trinken spielte er nervös mit seinem dünnen rötlichen Bart. Höflich zeigte er allen seinen männlichen Gästen den Weg zur Toilette und füllte ihre Gläser, wenn die mitgebrachten Getränke zur Neige gingen. Doch am Ende galt auch seine Aufmerksamkeit nur ihr. Ihr Herz zuckte wenn ihre Blicke sich begegneten. Sie wusste nicht wieso. Sie hatte vergessen wieso.
Sie verließ die Küche, in der sich alle Gäste aufhielten, und fühlte ihren Weg durch die dunklen Korridore zur Toilette. Dort angekommen hörte sie ein unterdrücktes Fluchen: der Vampir konnte den Lichtschalter nicht finden. Nachdem sie ihm gesagt hatte dass sie ihm helfen würde hatte sie kaum Zeit die Wände abzutasten, da hatte er sie schon gepackt und geküsst. Ihr Kopf schrillte und schmerzte, sie verging fast im Sublimen.
Als er sie losließ stolperte sie in eines der Nebenzimmer und sank zitternd an der Wand zu Boden. Der Alkohol und die Hitze drehten sie in benommenen Kreisen. Sie hörte ein Geräusch an der Tür und wollte schon protestieren als sie in der Dunkelheit an Stelle der erwarteten hageren Gestalt einen viel kleineren Mann mit Lockenschopf eintreten sah, dicht gefolgt von der kantigen Figur des Dänen. Der Prinz nahm sie in seine Arme, liebkoste sie zärtlich und wartete, bis sie sich beruhigt hatte. Sie nahm es kaum noch wahr, als er seine Hand unter ihr T-Shirt schob. Der Däne starrte.
Als sie erwachte war sie noch immer in diesem Raum, den sie wie zum ersten Mal wahrnahm. Inzwischen spendete eine kleine Nachttischlampe ein Minimum an Licht. Auf dem großen, ordentlich gemachten Doppelbett lag der Fuchs neben ihr und reichte ihr schweigend ein Glas Wasser als er merkte, dass sie erwacht war. Als sie ihn sah zog sich ihr Magen zusammen. Der Geschmack in ihrem Mund sagte ihr dass es nicht das erste Mal an diesem Abend war.
Sie schwiegen lange. Aus reiner Gewohnheit fuhr sie über den glatten hölzernen Bettrahmen. Sie betrachtete das Foto von ihr und ihm auf dem Nachttisch. Selbst im Zwielicht noch schimmerte sein Haar in dem Rotton, den sie so liebte. Sein Haar auf dem Kissen, sein Haar im Rahmen. Auf dem Bild lächelte lächelten sie beide.
Sie drehte sich wieder zu ihm.
Und sie lächelten nicht.
Es ist ganz einfach:
du musst nur zweimal
nein
und dann einmal
ja
sagen und dann
geht es wie von selbst.
Dann wird alles
flaschengrün
und eine scharfe Scherbe
vielleicht eine Rutsche,
die in einer
Dreitagebartwiese endet.
Verspielt
hast du bereits, also
spiele
mit ganzem Einsatz
bis zum bitteren
Ende.
Denke nie an Morgen.
Hier endet die Anleitung.
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Realismus
Mittwoch, 30. März 2011
Zu (z)weit
Zu zweit waren sie überraschend erfolgreich, vor allem sie.
In ihren weißen engen Tank Tops , die ihre kleinen Brüste unter den schwarzen Hosenträgern eher betonten als verdeckten. Mit ihren High Heels, die ihre mangelnde Körpergröße zwar korrigierten, gleichzeitig aber ihren Gang in ein ungelenkes Staksen verwandelten und ihre Sportlichkeit nur unterstrichen. Mit ihrer grünen übergroßen Cordjacke, die sie vor Monaten von ihm bekommen hatte und die ihr wohlgehüteter Schatz war. Jeder wusste dass diese Jacke ein Symbol ihrer Zugehörigkeit und Loyalität ihm gegenüber war – sie hätte genauso gut eine Leine tragen können.
Wann genau sie von Partnern in life zu Partnern in crime wurden wusste niemand so genau, wahrscheinlich wussten sie es selbst nicht. Für wenige Wochen hatte es tatsächlich so ausgesehen als hätte sie ihn, den Frauenheld und Schürzenjäger, den Abenteurer, den Cowboy, gezähmt. Dann hatten sie eines Abends in ihrem nach wie vor spektakulärsten Raubzug in derselben Nacht und in derselben Wohnung zwei Zwillinge flachgelegt. Seitdem war sie ihm optisch immer ähnlicher geworden, sie trug seine Klamotten, hatte sich sogar seinen Haarschnitt verpassen lassen und sah auf bizarre Weise aus wie seine kleine Schwester – oder vielmehr sein kleiner Bruder. Man sah sie tagsüber kaum noch zusammen, dafür waren sie nachts unzertrennlich. Sie hatten sich auf weibliche Zweierpärchen eingeschossen, Freundinnen oder besser noch Schwestern, er traf die Auswahl und machte den ersten Schritt, sie folgte ihm wie ein Schatten und nahm, was er ihr übrig ließ.
Obwohl sich vor allem anfangs nicht jedes Mädchen auf das Spiel einließ und sich mit der kleinen (und weiblichen) Kopie einer der beliebtesten Männer der Stadt zufriedengab mussten selbst die größten Zyniker zugeben, dass ihre Erfolgsquote unerwartet hoch war und dass sie Frauen mit nach Hause nahm, an denen sich schon viele attraktive Männer die Zähne ausgebissen hatten.
Inzwischen ging es soweit, dass sie als Trophäe selbst bei Frauen nahezu beliebter war als er. Diese Entwicklung brachte ihre Routine, in der er die erste Wahl hatte, etwas durcheinander wenn sich seine Auserwählte von ihm abwandte und mit ihr zu flirten versuchte. Doch ihre Loyalität kannte keine Grenzen, sie begegnete solchen Annäherungsversuchen mit eisiger Kälte und wand sich unter seinen strafenden Blicken. Andere Männer ließ sie nicht einmal in ihre Nähe.
Zum Teil war ihre Popularität vermutlich der Tatsache geschuldet, dass niemand so richtig wusste was geschah, wenn sie ein Mädchen mit zu sich oder mit zu ihm nach Hause nahm. Während seine Eroberungen bereitwillig Auskunft über Stellungen, Technik und Ausdauer gaben, hüllte sich jedes einzelne ihrer Mädchen in dunkles Schweigen. Es war ein Geheimnis, das sie alle verband, und es sah nicht so aus, als hätte irgendwer vor es zu lüften.
Bring mich um
mehr weiße Nächte.
Ich liebe die Peitschenhiebe
deiner Blicke. Triebe mein Fieber
Richtung Licht,
ich müsste es erklimmen
mit erregungsklammen Händen,
hoffnungsklammern und enttäuschungsjammern.
Ich kann nicht still sein
will ich die sein
die du siehst wenn du leise Träume träumst.
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Realismus
Montag, 14. März 2011
Mein Bruder ist Einzelkind
Es war das erste Mal, dass er ihr erlaubte, in seinen Notizen zu stöbern. Gebannt starrte sie auf die ungelenke Handschrift des 16jährigen, und sie stellte die Musik ab. Belle and Sebastian verstummten. I was happy for a day in 1975.
Ungläubig las sie den Text, den sie von einem Jungen seines Alters nie erwartet hätte, noch einmal. Dann betrachtete sie das Foto von ihm mit seinem Freund, das auf seinem Schreibtisch stand. Er, dessen Gesicht nichts als große dunkle Augen und volle Lippen war. Der andere, blasse Blonde, dessen skandinavisches Gesicht etwas Diabolisches hatte in all seiner durchsichtigen Schönheit.
Sie nahm sein Notizbuch und setzte sich zu ihm aufs Bett, den Kopf auf seine Schulter gelegt. Sie wusste dass er es nicht mochte, wenn sie ihm so nahe kam, doch seine Haare rochen wie das Fell ihrer Katze, sauber und nach Sommerstraße. Sie mochte das elektrische Knistern.
Nicht zum ersten Mal überlegte sie, was wäre wenn…
Doch es war anders. Alles, was sie heute oder jemals von ihm bekommen würde, waren diese Katzennächte, deren Spannung er hasste und sie liebte.
„Lies es mir vor“, bat sie ihn und legte ihm das geöffnete Buch auf die schmalen Jungenoberschenkel. Er nahm es, hielt es steif in der Hand und begann mit seiner dünnen, hohen Seidenstimme zu lesen.
Allein auf der Schaukel
durch die Nacht fliegend
halte ich plötzlich an und überlege
wie wär’s denn wenn ich
bei den Schwänen wäre und bei der Frau mit
den unkontrollierbaren Haaren
Aber weißt du, das kann ich nicht denn
mein Bruder ist Einzelkind.
Meine Eltern haben Jahre gebraucht um es zu merken.
Sie fragten den Arzt,
aber es war der aufgehängte Wissenschaftler, der
ihnen endlich Antworten gab.
Sie sprachen von seinem Haarnetz und seinem Kaugummi,
dass er sich so vor den Augen der Straßenecken fürchtete
mit all den fleischigen Straßenlaternen
als ob die gefährlich wären.
Rotlicht macht ihn gefährlich
mit einer Tonne Stahl im Bein.
Er strampelt wie ein Kind ohne
Eiscreme, was natürlich nicht die Antwort ist.
Es gibt keinen Grund dir zu erklären warum
mein Bruder Einzelkind ist.
Ich fragte ihn einmal
während er den
Eiffelturm
mitten in Paris bestieg
ich konnte ihn nicht hören
weil er flüsterte
wie eine Mundharmonika, die in der stillen
Hintergrundnacht unter roten Seidenvorhängen spielt.
In der Tiefe des Nachmittags
schrieb er auf meine Hand
Ich komme aus einer kleinen Wüste, versteckt
an einem unbekannten Ort.
Er sagte, dass Bücher ihm ins
Gesicht schlagen wenn es jemand erführe und
das mindeste, was ich tun konnte, war
meine Augen zu schließen.
Ich fuhr nach Indien in einem Boot und sah
die lange Kurve seines Rückens nicht
bevor ich ging.
Zehn Jahre später hatte er seine Hände abgeschnitten.
Entsetzen rannte durch die Straßen wie
Mäuse ohne Käse
ich schwamm zu seinem Hotel und schlug die Tür ein.
Da saß er, milchübergossen,
zitternd, während die Wände um uns einstürzten.
Der Blinde wollte sie nicht reparieren.
Also fragte ich ihn wegen seiner Hände
aber er sagte er habe jetzt einen Gips
und wenn ich es wirklich wissen wolle
sollte ich einfach in meinem Privatleben schauen.
Behäbig trank ich meinen Notfallwhisky.
Er lachte während dieser mir aus den Ohren fiel
und dann in meine Nase schlüpfte.
Ich fiel zu Boden mit rotierendem Kopf
wie ein Riesenrad vor Sonnenuntergang.
Als ich so dalag zeigte er auf einen riesigen
Finger und er sagte ich weiß wer
du bist und um deine gierigen Lügen.
Die Versuche, die du unternimmst, um dich
interessant
zu machen,
was du nie sein wirst.
Aber es ist mir egal.
Ich habe einen neue Geschichte zu erzählen,
all diese Klatschsüchtigen
deren Leben du zerstört hast
indem du meines zu einem Rauchvorhang gemacht hast.
Ich werde ihnen mit meiner bleiernen Sonnenbrille
und einem Schlauch in meiner Lunge sagen,
dass ich Jahre gebraucht habe um herauszufinden dass
mein Bruder Einzelkind ist.
Original von Michael Black
Übersetzung von mir
Notiz: Das Gedicht ist tatsächlich eine Übersetzung eines Textes meines Freundes Michael. Die Kurzgeschichte dazu hat nichts, aber auch rein gar nichts mit ihm als Person oder mit unserem Verhältnis im echten Leben zu tun und existiert nur in Wortwelten.
Ungläubig las sie den Text, den sie von einem Jungen seines Alters nie erwartet hätte, noch einmal. Dann betrachtete sie das Foto von ihm mit seinem Freund, das auf seinem Schreibtisch stand. Er, dessen Gesicht nichts als große dunkle Augen und volle Lippen war. Der andere, blasse Blonde, dessen skandinavisches Gesicht etwas Diabolisches hatte in all seiner durchsichtigen Schönheit.
Sie nahm sein Notizbuch und setzte sich zu ihm aufs Bett, den Kopf auf seine Schulter gelegt. Sie wusste dass er es nicht mochte, wenn sie ihm so nahe kam, doch seine Haare rochen wie das Fell ihrer Katze, sauber und nach Sommerstraße. Sie mochte das elektrische Knistern.
Nicht zum ersten Mal überlegte sie, was wäre wenn…
Doch es war anders. Alles, was sie heute oder jemals von ihm bekommen würde, waren diese Katzennächte, deren Spannung er hasste und sie liebte.
„Lies es mir vor“, bat sie ihn und legte ihm das geöffnete Buch auf die schmalen Jungenoberschenkel. Er nahm es, hielt es steif in der Hand und begann mit seiner dünnen, hohen Seidenstimme zu lesen.
Allein auf der Schaukel
durch die Nacht fliegend
halte ich plötzlich an und überlege
wie wär’s denn wenn ich
bei den Schwänen wäre und bei der Frau mit
den unkontrollierbaren Haaren
Aber weißt du, das kann ich nicht denn
mein Bruder ist Einzelkind.
Meine Eltern haben Jahre gebraucht um es zu merken.
Sie fragten den Arzt,
aber es war der aufgehängte Wissenschaftler, der
ihnen endlich Antworten gab.
Sie sprachen von seinem Haarnetz und seinem Kaugummi,
dass er sich so vor den Augen der Straßenecken fürchtete
mit all den fleischigen Straßenlaternen
als ob die gefährlich wären.
Rotlicht macht ihn gefährlich
mit einer Tonne Stahl im Bein.
Er strampelt wie ein Kind ohne
Eiscreme, was natürlich nicht die Antwort ist.
Es gibt keinen Grund dir zu erklären warum
mein Bruder Einzelkind ist.
Ich fragte ihn einmal
während er den
Eiffelturm
mitten in Paris bestieg
ich konnte ihn nicht hören
weil er flüsterte
wie eine Mundharmonika, die in der stillen
Hintergrundnacht unter roten Seidenvorhängen spielt.
In der Tiefe des Nachmittags
schrieb er auf meine Hand
Ich komme aus einer kleinen Wüste, versteckt
an einem unbekannten Ort.
Er sagte, dass Bücher ihm ins
Gesicht schlagen wenn es jemand erführe und
das mindeste, was ich tun konnte, war
meine Augen zu schließen.
Ich fuhr nach Indien in einem Boot und sah
die lange Kurve seines Rückens nicht
bevor ich ging.
Zehn Jahre später hatte er seine Hände abgeschnitten.
Entsetzen rannte durch die Straßen wie
Mäuse ohne Käse
ich schwamm zu seinem Hotel und schlug die Tür ein.
Da saß er, milchübergossen,
zitternd, während die Wände um uns einstürzten.
Der Blinde wollte sie nicht reparieren.
Also fragte ich ihn wegen seiner Hände
aber er sagte er habe jetzt einen Gips
und wenn ich es wirklich wissen wolle
sollte ich einfach in meinem Privatleben schauen.
Behäbig trank ich meinen Notfallwhisky.
Er lachte während dieser mir aus den Ohren fiel
und dann in meine Nase schlüpfte.
Ich fiel zu Boden mit rotierendem Kopf
wie ein Riesenrad vor Sonnenuntergang.
Als ich so dalag zeigte er auf einen riesigen
Finger und er sagte ich weiß wer
du bist und um deine gierigen Lügen.
Die Versuche, die du unternimmst, um dich
interessant
zu machen,
was du nie sein wirst.
Aber es ist mir egal.
Ich habe einen neue Geschichte zu erzählen,
all diese Klatschsüchtigen
deren Leben du zerstört hast
indem du meines zu einem Rauchvorhang gemacht hast.
Ich werde ihnen mit meiner bleiernen Sonnenbrille
und einem Schlauch in meiner Lunge sagen,
dass ich Jahre gebraucht habe um herauszufinden dass
mein Bruder Einzelkind ist.
Original von Michael Black
Übersetzung von mir
Notiz: Das Gedicht ist tatsächlich eine Übersetzung eines Textes meines Freundes Michael. Die Kurzgeschichte dazu hat nichts, aber auch rein gar nichts mit ihm als Person oder mit unserem Verhältnis im echten Leben zu tun und existiert nur in Wortwelten.
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Montag, 14. Februar 2011
Selbstauslöser
Für Amelie zum Valentinstag. Ohne jeglichen inzestuösen Hintergedanken. Und ohne jegliche Idee, wie sie ihre Fotos tatsächlich macht.
Sie betrachtet den Ausschnitt ihres Zimmers durch die Kameralinse: die hohen, lichtdurchfluteten Fenster, die weißen Vorhänge, die die Sonnenstrahlen wie Insekten fangen und einsperren, die feinen eisernen Gitterstäbe des leeren Vogelkäfigs, der an der Gardinenstange hängt und ihr als Schmuckständer dient.
Genüsslich streicht sie sich die inzwischen wieder dunkleren, leicht gelockten kinnlangen Haare aus dem Gesicht (aber nie zu weit). Sie trägt etwas mehr Lippenstift auf (aber nie zu viel).
Sie tritt vor die Kamera, stellt sich in ihren Lichtkäfig und drückt den Selbstauslöser. In zehn Sekunden wird sie alles, was sie jemals sein wollte.
Le fabuleux destin d'Amélie.
Kein Auge
stellt dich, hält dich, dreht dich
weltlich um dich selbst. Nicht
einmal eine Braue runzelt Stirnenschauer
über deinen nackten Nacken.
Dein Auge
schält, vermählt und quält dich:
kleiner reiner Tod.
Ein einziger reiner Moment.
Du wählst dich.
Erzählst dich
dem Auge der Welt.
Die, verklärt, staunt und staunt.
Sie betrachtet den Ausschnitt ihres Zimmers durch die Kameralinse: die hohen, lichtdurchfluteten Fenster, die weißen Vorhänge, die die Sonnenstrahlen wie Insekten fangen und einsperren, die feinen eisernen Gitterstäbe des leeren Vogelkäfigs, der an der Gardinenstange hängt und ihr als Schmuckständer dient.
Genüsslich streicht sie sich die inzwischen wieder dunkleren, leicht gelockten kinnlangen Haare aus dem Gesicht (aber nie zu weit). Sie trägt etwas mehr Lippenstift auf (aber nie zu viel).
Sie tritt vor die Kamera, stellt sich in ihren Lichtkäfig und drückt den Selbstauslöser. In zehn Sekunden wird sie alles, was sie jemals sein wollte.
Le fabuleux destin d'Amélie.
Kein Auge
stellt dich, hält dich, dreht dich
weltlich um dich selbst. Nicht
einmal eine Braue runzelt Stirnenschauer
über deinen nackten Nacken.
Dein Auge
schält, vermählt und quält dich:
kleiner reiner Tod.
Ein einziger reiner Moment.
Du wählst dich.
Erzählst dich
dem Auge der Welt.
Die, verklärt, staunt und staunt.
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Mittwoch, 9. Februar 2011
Vom Trösten
Sie waren erst einmal zusammen ausgegangen, aus Versehen.
In der Nacht waren sie beide in ihre Stammkneipe gegangen, weil sie vergessen hatten, dass sie den Abend davor kollektiv beschlossen hatten, eine neue Bar auszuprobieren. (Fail.)
Was folgte war ein vorgezogenes und überaus unangenehmes erstes Date, eigentlich waren sie nämlich ohnehin zu zweit für die nächsten Abend verabredet gewesen. (Utter fail.)
Als sie nach einer halben bis dreiviertel Stunde per SMS versuchten, die Situation aufzuklären, beschlossen ihre Freunde sie bei ihrem Date (das zu diesem Zeitpunkt noch informell unter „Treffen“ lief) am darauffolgenden Abend zu treffen. (Ultimate fail.)
So wurde ihr erstes geplantes Date also um 8 Personen bereichert.
Sie gingen doch wieder in ihre Stammkneipe und alles deutete darauf hin, dass dies ein weiteres Glied in der Reihe undefinierbarer und uniformer Nächte wurde, nur vielleicht etwas unangenehmer.
„The more the merrier my arse“ sagte sie grinsend zu ihm. Er war Amerikaner und ihre auf Anhieb gute Verbindung basierte hauptsächlich auf ihren hervorragenden Englischkenntnissen und seiner hervorstechenden Attraktivität. Hinzu kam eine beiderseitige Alternativlosigkeit, bedingt dadurch dass er erst vor zwei Wochen in Deutschland angekommen war und noch kein Wort Deutsch sprach oder Menschen kannte, an denen er es ausprobieren konnte, sowie durch die Tatsache, dass sie mit Siebenmeilenstiefeln auf den Jahrestag ihrer Durststrecke zulief und nächste Woche ihre Tage bekommen würde.
Was so vielversprechend einfach begonnen hatte entwickelte sich innerhalb weniger Stunden zu einer Sackgasse. Er war verschlossen an diesem Abend, geradezu unfreundlich, und nicht nur zu ihr. Trotzdem war er der erste, der bei der Suche nach einem geeigneten Ziel für ein Woandershinwalking seine Wohnung anbot. Alle gingen, alle bereuten.
Sie sahen Forgetting Sarah Marshall und The Hangover (die Reihenfolge ist bis heute noch strittig). Sie gähnten verhalten. Sie gingen.
Bis auf sie. Er bat sie zu bleiben. Sie blieb. Er erzählte ihr was vorgefallen war während sie ihn hielt. Sie waren beide selten so allein gewesen.
Sie beendete an diesem Abend ihre Durststrecke vor dem Jahrestag, doch sie verließ seine Wohnung hungrig. Er würde sich nie bei ihr bedanken oder entschuldigen.
Im Grunde würden sie überhaupt nicht mehr sprechen.
Nachdem alle gegangen waren
blieb sie, gefesselt von seinen hilflosen Blicken,
gehalten von seinen haltlosen Händen.
So verbrachten sie die Nacht
in seinem Schmerz.
Für sie: ein fremdes Meer, das über sie spült.
Für ihn: die Welt, in der (vielleicht) eine Boje schwimmt.
Sie füllte den undefinierten Raum
mit Worten wie mit Sandkörnern
um einen Boden zu legen,
auf dem er sie nehmen konnte.
Er füllte den neu definierten Raum
mit Küssen wie mit Möwenschreien
um einen Grund zu geben,
doch da war kein Platz für Zärtlichkeit.
Die Wut schwamm in seinen Augen
und etwas Angst vor dieser Fremden,
deren Kopf er mit einer Hand festhielt.
Nach Stunden
wusch sie sich
und verließ seine Welt
mit schmerzenden Gliedern
und leeren Händen.
Der Heimweg war lang und dunkel
und der Sand zog ihr noch lange den Boden unter den Füßen weg.
In der Nacht waren sie beide in ihre Stammkneipe gegangen, weil sie vergessen hatten, dass sie den Abend davor kollektiv beschlossen hatten, eine neue Bar auszuprobieren. (Fail.)
Was folgte war ein vorgezogenes und überaus unangenehmes erstes Date, eigentlich waren sie nämlich ohnehin zu zweit für die nächsten Abend verabredet gewesen. (Utter fail.)
Als sie nach einer halben bis dreiviertel Stunde per SMS versuchten, die Situation aufzuklären, beschlossen ihre Freunde sie bei ihrem Date (das zu diesem Zeitpunkt noch informell unter „Treffen“ lief) am darauffolgenden Abend zu treffen. (Ultimate fail.)
So wurde ihr erstes geplantes Date also um 8 Personen bereichert.
Sie gingen doch wieder in ihre Stammkneipe und alles deutete darauf hin, dass dies ein weiteres Glied in der Reihe undefinierbarer und uniformer Nächte wurde, nur vielleicht etwas unangenehmer.
„The more the merrier my arse“ sagte sie grinsend zu ihm. Er war Amerikaner und ihre auf Anhieb gute Verbindung basierte hauptsächlich auf ihren hervorragenden Englischkenntnissen und seiner hervorstechenden Attraktivität. Hinzu kam eine beiderseitige Alternativlosigkeit, bedingt dadurch dass er erst vor zwei Wochen in Deutschland angekommen war und noch kein Wort Deutsch sprach oder Menschen kannte, an denen er es ausprobieren konnte, sowie durch die Tatsache, dass sie mit Siebenmeilenstiefeln auf den Jahrestag ihrer Durststrecke zulief und nächste Woche ihre Tage bekommen würde.
Was so vielversprechend einfach begonnen hatte entwickelte sich innerhalb weniger Stunden zu einer Sackgasse. Er war verschlossen an diesem Abend, geradezu unfreundlich, und nicht nur zu ihr. Trotzdem war er der erste, der bei der Suche nach einem geeigneten Ziel für ein Woandershinwalking seine Wohnung anbot. Alle gingen, alle bereuten.
Sie sahen Forgetting Sarah Marshall und The Hangover (die Reihenfolge ist bis heute noch strittig). Sie gähnten verhalten. Sie gingen.
Bis auf sie. Er bat sie zu bleiben. Sie blieb. Er erzählte ihr was vorgefallen war während sie ihn hielt. Sie waren beide selten so allein gewesen.
Sie beendete an diesem Abend ihre Durststrecke vor dem Jahrestag, doch sie verließ seine Wohnung hungrig. Er würde sich nie bei ihr bedanken oder entschuldigen.
Im Grunde würden sie überhaupt nicht mehr sprechen.
Nachdem alle gegangen waren
blieb sie, gefesselt von seinen hilflosen Blicken,
gehalten von seinen haltlosen Händen.
So verbrachten sie die Nacht
in seinem Schmerz.
Für sie: ein fremdes Meer, das über sie spült.
Für ihn: die Welt, in der (vielleicht) eine Boje schwimmt.
Sie füllte den undefinierten Raum
mit Worten wie mit Sandkörnern
um einen Boden zu legen,
auf dem er sie nehmen konnte.
Er füllte den neu definierten Raum
mit Küssen wie mit Möwenschreien
um einen Grund zu geben,
doch da war kein Platz für Zärtlichkeit.
Die Wut schwamm in seinen Augen
und etwas Angst vor dieser Fremden,
deren Kopf er mit einer Hand festhielt.
Nach Stunden
wusch sie sich
und verließ seine Welt
mit schmerzenden Gliedern
und leeren Händen.
Der Heimweg war lang und dunkel
und der Sand zog ihr noch lange den Boden unter den Füßen weg.
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Samstag, 5. Februar 2011
Seekrank
Der Alkohol öffnet ihre Pupillen wie Türen. Jedes Mal, wenn er sie betrunken sieht, ist es wie an diesem ersten Abend bei ihm zuhause, als sie völlig unerwartet zu seiner Einweihungsparty auftauchte und ihn und seine Freunde im Sturm eroberte. Er kannte sie nur aus einem seiner Kurse, als hübsches, stilles, sehr kluges – nun, hauptsächlich aber hübsches Mädchen. Daher die Einladung. Warum sie auftauchte, weiß er bis heute nicht. Er weiß nur, dass er froh ist. Dass er sie mag.
Am liebsten mag er sie, wenn sie ihre kühle Gelassenheit fallen lässt, ihren Gesprächspartner mit Blicken aufspießt und laut und eindringlich ihr Meinung zu irgendetwas darlegt, dabei Worte durch den Raum schleudert mit Händen und Füßen. Und immer dieses Lächeln, das ihr bei solchen Diskussionen aufs Gesicht gemalt scheint und das es dem Gegenüber fast immer unmöglich macht, zu widersprechen. Nicht, dass es oft etwas zu widersprechen gäbe, ihre Argumente sind stets durchdacht, ihre Ansichten vorsichtig abgewogen und nie tatsächlich extrem.
Solche Momente sind selten, man muss das richtige Thema treffen und das ist bei ihr schwer zu erraten. Sonst ist sie still und so in sich versunken, so abgeschlossen, dass sie oft für schüchtern oder arrogant gehalten wird. Vielleicht ist sie das. Vielleicht verwirrt die Aufmerksamkeit, die sie ihm schenkt, ihn darum so sehr: weil sie von einem Vertrauen zeugt und eine Anerkennung darstellt, die er seines Wissens mit nichts gerechtfertigt oder ermutigt hat.
Doch andererseits scheint es nur natürlich, dass sich zwei Fremde in einer Großstadt aneinander festhalten. Zwar kommen sie nicht aus derselben Stadt, doch beide sind aus dem Süden und irren nun zwischen Kanälen und nördlichem Meerwind.
Alkohol hilft dabei, sie zu öffnen. So kam es wohl dazu, dass sie sich vor Weihnachten einmal etwas heftiger an ihm festhielt, als es für seine Beziehung angemessen war. Das sagte er damals auch indem er sie von sich schob, zitternd vor Angst, sie könne widersprechen. Er wusste, dass er dem nichts entgegenzusetzen hätte. Doch seine Sorge war unbegründet, sie lächelte nur und strich ihm über die Wange. Er spürte diese Berührung noch lange, nachdem sie gegangen war, lange nachdem sie beide über die Weihnachtsferien nach Hause gefahren waren, lange, nachdem er dort seine Freundin verlassen hatte.
Und nun sitzen sie also wieder in seiner Wohnung, zurück an ihrem angestammten Platz auf dem Boden, direkt an der Heizung, die täglich einen tapferen Kampf gegen die nordische Kälte austrägt. Ihre Pupillen: geöffnete Türen. Er fasst Mut und erzählt von der Trennung.
Ihr Lächeln blitzt auf doch irgendetwas in ihr fällt zu. Steif erklärt sie, wie gut sie es finde, dass sie beide so vernünftig gehandelt haben und so erwachsen mit der Situation umgehen. Wie ironisch es sei, dass Fernbeziehungen durch moderne Kommunikationsmöglichkeiten nicht leichter, sondern schwieriger werden. Wer denn heute noch die Gänsehaut kenne, die das Geräusch eines aufreißenden Briefumschlags auslöst. Dabei klammert sie sich immer fester an den Heizkörper.
Ob ihr kalt sei, unterbricht er sie vorsichtig. Sie verstummt, nickt, die linke Wange an die Heizung gepresst, die Arme um die Knie geschlungen. Er holt eine Decke.
Legt sie ihr um die Schultern. Er erschauert, wie damals, als er sie wegdrückte. Weil er sie heute an sich drücken will. Er lässt die Decke nicht los, sie nimmt die Decke nicht, verharrt in ihrer kauernden Haltung, er auf Knien vor ihr, die zitternden Hände noch immer auf ihren Schultern. Langsam, fast ängstlich, hebt sie den Kopf und sieht ihn an. Ihre linke Wange, die am Heizkörper lag, ist gerötet. Er gibt auf.
Fast grob reißt er sie mitsamt der Decke zu sich und küsst sie. Sie wehrt sich nicht. Erwidert den Kuss. Lässt sich von ihm zu Boden ziehen, wird von ihm begraben, taucht wieder auf, verharrt über ihm. Er liegt auf dem Rücken und sieht ihr Gesicht über sich, eingerahmt von den langen Haaren, die wie ein Vorhang um sein Gesicht herum auf dem Boden liegen und die Welt außerhalb ihrer beiden Köpfe aussperren. Und ihre Augen, ihre Augen sperren ihn aus.
Verwirrt fragt er sie, was los sei. Das Lächeln, zärtlich und einnehmend, blitzt auf. Sie sei gerne für ihn da, auch physisch, doch sie habe Angst, dass das mehr schaden als helfen würde. Er erkenne doch auch, wie gefährlich es sei, einen solchen Schritt in der aktuellen Situation, vor allem in der seinen, zu unternehmen. Die emotionale Wirkung von Sex werde in der heutigen Gesellschaft deutlich unterschätzt. Nicht, dass sie das bisher Geschehene bereue, das sei sicher nötig gewesen, doch genauso nötig sei es abzuwägen, wann man gehen muss. Und das sei für sie jetzt.
Er widerspricht nicht. Während sie ihren Mantel anzieht bestätigt er ihr verwirrt und ernüchtert, wie recht sie doch habe und wie gut, dass sie das so ausgesprochen hat. Dankbar empfängt er jedes ermutigende Lächeln und Nicken, das sie ihm schenkt.
Nachdem die Tür hinter ihr zugefallen ist legt er sich die Decke um die Schultern, setzt sich auf den Boden und presst die linke Wange an den Heizkörper.
Weinstürme, wilde.
Wir taumeln, wir schreien,
verzeihen der Welt, werden milde.
Umarmungen, grobe.
Wir packen, wir beißen,
zerreißen das Segel, das hohe.
Kehrtwende, wirre.
Wir sehen, verstehen,
entgehen dem Schiffbruch. Der irre
Kurs schnell berichtigt.
Verdächtige Ruhe nach dem Sturm.
Tauben fliegen, kommen nicht zurück.
Vielleicht gelandet, vielleicht ertrunken.
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