Diese Seite enthält nur Worte und ist nicht daran interessiert, deine Augen oder Ohren zu unterhalten.

Keine der Personen, die hier beschrieben werden, existiert wirklich. (In deinem Leben.)

Alles, was hier beschrieben wird, ist wahr. (In deinem Kopf.)



Samstag, 24. März 2012

Von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen

Oder: Wie man in ein fremdes Land zieht




Verlasse.
Komm an.
Laufe in Menschen und Wände.
Kämpfe keine Kämpfe, die du nicht gewinnen kannst: kämpfe nicht mit der Sprache.
Entdecke, dass niemand sieht, was du siehst, dass niemand hört, was du hörst. Verstehe also, dass du blind und taub bist. Dass du keinen Stock hast und kein Wort Braille beherrschst. Leg dir eine Augenbinde um und verschließe deine Ohren mit Wachs.
Vergiss Odysseus – er wird dir hier nicht helfen. Du willst die Sirenen nicht umschiffen, du willst Sirene werden.


Der einzige Sinn, der dir bleibt, ist Fühlen. Erfühle also alle Räume. Erfühle auch Menschen: umarme dankbar alle Führer, die sich dir anbieten. Bezahle sie großzügig mit Lächeln.
Liebe so viel du kannst. Versuche, wenig zu hassen. Wenn du hassen musst, wisse die Gründe. Vergiss sie so schnell wie möglich.


Irgendwann kennst du die Körper. Die Räume sind vertrauter. Die Sprache, das fremde Bett, riecht schon nach dir. Die Führer, verstört, folgen nun dir. Du darfst sie zurücklassen, wenn du willst.


Unterscheide die Menschen. Erzähle jenen, die dir näher sind, von deiner Blind- und Taubheit. Sie müssen verstehen. Wenn sie das nicht tun, lasse auch sie zurück.


Bis hierher bin ich gekommen. Ob wir die Augenbinde und das Wachs jemals loswerden, weiß ich nicht.
Lasse mich nur bei den Führern und den entfernten Fremden.




Fremder Nebel macht Frühlings- zur Rau(ch)nacht.
Schau: die acht Licher vor meinem Haus, einst vertraut,
führen mich irre.
Wirr stolpere ich hinaus und staune.
Harrend der Dinge, die da raunen mögen.

Freitag, 16. März 2012

Zwischenräume



Man sagt ja, die Augen seien der Spiegel der Seele. Das ist so nicht ganz richtig. Tatsächlich habe ich festgestellt, dass sie mehr eine Tür sind.
Ich hatte so einen Verdacht, lange bevor ich Beweise hatte. Meine Theorien gründeten sich auf die detaillierte Lektüre phantastischer Literatur sowie einige flüchtige Ausflüge in die kognitive Psychologie, welche zwar immer recht unterhaltsam aber zum Großteil wenig hilfreich waren. Das Problem mit Türen ist natürlich, dass man sie absperren kann, was die meisten Menschen denn auch tun. Weniger aus egoistischen Gründen, wie ich meine, sondern mehr aus Nächstenliebe. So eine Seele ist ja in der Regel weit weniger glamourös als das klangvolle Wort mit seinen drei Es durchblicken lässt. Um es anders auszudrücken, Menschen, die im Erdgeschoss wohnen, schaffen sich die Vorhänge nicht an, weil sie so stolz auf ihr geschmackvoll eingerichtetes und stets ordentliches Wohnzimmer sind.


Tatsächlich öffnen Menschen ihre Augentüren sehr viel eher für Dinge als für andere Menschen. Das stellte ich fest, als ich nach monatelangen fruchtlosen Einbruchsversuchen meiner damaligen Freundin den Weinkorken unseres ersten gemeinsamen Abendessens zu irgendeinem Jubiläum, ich glaube es war ein fünfjähriges, schenkte. Zunächst dachte ich, sie sei enttäuscht, weil sie, wie ich wusste, seit einiger Zeit einen Ring erwartete, doch dann erkannte ich dass das, was ich für Schatten oder Tränen gehalten hatte, die weit geöffneten Tunnel ihrer Augen waren.
Nach dieser Entdeckung war alles ganz einfach. Ich scheute keine Kosten und Mühen (extravagante Abendessen, Reisen, Kunstwerke, schließlich der Ehering) um etwas Übung zu gewinnen, und es dauerte kaum zwei Jahre, da konnte ich durch Türspalten schlüpfen, an denen Katzen gescheitert wären. Oft reichten der Anblick von Schokolade oder einem Designerkleid bei Frauen, ein Fußball oder eine Bierflasche bei Männern, um mich einzulassen.


Doch ich muss euch sagen, irgendwann versiegt die Neugierde. Die meisten Menschen ähneln sich und die, die sich von der Masse unterscheiden, sind weit öfter erschreckend als erfreulich. Seit langem schon habe ich es aufgegeben, in andere Menschen einzudringen. Ich bin inzwischen lieber allein und ungestört. Es macht mir nichts aus, die Ergebnisse meiner mühevollen Arbeit mit euch zu teilen, sie erscheinen mir leider sehr unbedeutend.
Unter uns, ich arbeite an einem neuen Projekt. Ich versuche, Einblick in meine Seele zu bekommen. Dafür habe ich mir bereits diverse Spiegel sowie Fotoapparate, Videokameras und Webcams besorgt. Auf all diesen Oberflächen starre ich nun jeden Tag stundenlang in meine Augen. Aber ich fürchte, genau da liegt das Problem. Um es anders auszudrücken, meine Augen öffnen sich für mein Gesicht keinen Millimeter. Mein Gesicht öffnet meine Augen keinen Millimeter.
Keinen Millimeter.




Zwischen uns liegt
Raum,
tief und weit(er).


Wir vergessen den
Zaun,
fallen frei(er).


Abgründe halten unseren Atem (an).


Zungen verbrennen beim Auf-
zergehen.
Augen erblinden beim Aus-
versehen.
Gerüche verirren im Sommer-
erblühen.
Knochen zerknirschen beim Ein-
zerfühlen.


Abgründe halten unsere Sinne (gefangen).


Natürlich sind wir gegen die Natur.
Wir bauen brüchige Brücken,
wir brechen Hälse und Rücken
in wütenden Sprüngen.


Doch abends dann, wenn wir zu müde sind,
begnügen wir uns damit in den Schlund
ein blickgespicktes Wort zu schicken, flehend
dass Echos wohl die andre Wand erklimmen
und dass der andre das, was unsren Mund
einmal verließ, entstellt, vielleicht versteht.

Sonntag, 26. Februar 2012

Vom Wachsen





Wortlos teilten die Schwestern ihre Einkäufe auf dem wackligen hölzernen Küchentisch. Auf den ersten Blick hätte man meinen können, der Tisch sei ein Fließband und die beiden Mädchen Fabrikarbeiterinnen mit Haarnetzen anstatt Mützen, so präzise waren ihre Bewegungen.
An beiden Enden des Tisches türmten sich bereits die Einkäufe, die, mit ganz wenigen Ausnahmen, eigentlich identisch waren.


Braeburn Äpfel (beide), Bäckertüten – Form und Größe nach zu urteilen wohl zwei bis drei Brezen (beide), Joghurt (links drei Natur, rechts drei Erdbeere, selbe Marke), Milch (beide, selbe Marke, jeweils zwei Packungen), Espresso (beide, selbe Marke, kleine Packung), Grapefuitsaft (links), Mandarinen (beide, jeweils ein ganzes Netz), Frischkäse (links eine bekannte Marke, fettarm, rechts die günstigere Variante, ebenfalls fettarm), Poppadom (rechts), Shrimps in Salzlake (beide, selbe Marke, mit MSC Siegel), Weißkohl (beide), Eisbergsalat (beide, jeweils ein Kopf), Erdnüsse mit Schokoladenüberzug (links, bekannte Marke), Karotten (beide), Dosenmais (beide), Weizenmehl Typ 405 (rechts).


Nachdem alles geteilt wurde machten sie sich daran, mit derselben Präzision sämtliche Utensilien in der Küche zu verstauen. Auch hier schienen sie ihre Gebiete abgegrenzt zu haben, wenn auch für den Nichteingeweihten weniger deutlich in links und rechts unterteilt.
Schließlich sahen sie sich gründlich um, überprüften die leeren Einkaufstüten ein letztes Mal, dann nahm die Ältere zwei der gerade erst eingeräumten Joghurtbecher (einen Natur, einen Erdbeer) aus dem Kühlschrank und zwei Löffel aus der Besteckschublade. Die Jüngere nahm ihren (Natur) mechanisch entgegen, fast ohne hinzusehen, und griff gleichzeitig in ein Vorratsregal, um den Honig zu holen.


Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer, wo sie den Fernseher anschalteten. Stumm löffelten sie ihre Joghurts als die Jüngere plötzlich innehielt und ihre Schwester mit dem Ellenbogen anstieß. Die schreckte auf und sah sie verwirrt an. Unsicher hob die Jüngere ihren Löffel mit feinen Honigfäden und glänzend weißem Naturjoghurt aus dem Becher und bot ihn ihrer Schwester zum Probieren an. Diese neigte sich misstrauisch, zögerlich, langsam vor, ihre Augen wanderten nervös zwischen dem Gesicht der Anderen und dem Löffel hin und her, bis sie schließlich, in einer schlangenschnellen Bewegung, zuschnappte.




Wir haben nie gelernt
in die Dimension zu wachsen,
wir kennen nur Richtungen.


Das Vor und Zurück der Schritte,
das Auf und Ab der Stimmungen.


Wir haben nie verstanden
das Loslassen zu umarmen,
wir hängen so an der Einheit.


Haut eng an Muskeln eng an Skelett,
allein Haare, getrimmt, strecken sich.


Irgendwann, wenn wir erschöpft nachgeben,
erkennen wir uns im Atem, im Geruch, im Blickfeld,
wir geben das Wachsen auf und weiten uns, aneinander, ineinander,
fort.