Diese Seite enthält nur Worte und ist nicht daran interessiert, deine Augen oder Ohren zu unterhalten.

Keine der Personen, die hier beschrieben werden, existiert wirklich. (In deinem Leben.)

Alles, was hier beschrieben wird, ist wahr. (In deinem Kopf.)



Donnerstag, 8. November 2012

Von der (Un-)Endlichkeit aller Dinge




Ich stehe an einer stark befahrenen Straße. Autos brüllen an mir vorbei. So dicht, dass ich sie berühren könnte. So dicht, dass sie mich berühren könnten.
Ich könnte fallen.

Und Vertigo –

Es gibt Momente, in denen ich stocke. Kleben geblieben in Zeit und Raum, löse ich mich nur mit Mühe. Konturen verschwimmen und verharren, regungslos, gespannt. Nie fasse ich die Welt so sehr wie in diesen Momenten, da sie mir entgleitet.
Und sie staunt. Mich an. Ich lasse sie starren wie eine Geliebte. Schamlos.

Wir entrücken einander. Die Kluft zwischen dem, was ist, und dem, was bleibt, blitzt auf für Sekundenbruchteile, für Wimpernschläge. Kaum Zeit genug für ein Herzstolpern, kaum Zeit genug für ein Seufzen.
Die Distanz zwischen mir und den Dingen. Die Erkenntnis, dass meine Welt ohne mich nichts ist. Die Erkenntnis, dass die Welt mich trotzdem überdauert.

Das wilde Zerren, schließlich Losreißen, aller Dinge. Die Spannung, der Schmerz, der Bruch, die Erleichterung. Das Echo in meinem Kopf: „Auch noch verlieren ist unser.“

Und wenn die Unendlichkeit dort ist, wo Parallelen sich schneiden, dann ganz ehrlich – dann will ich da auch gar nicht hin.


Oh Schläfer,
die Welt steht auf mit mir.

Sanft atmend ruhen die Dinge bis ich sie wecke.
Verschrecktes Zucken, verklebte Ringe
unter den Augen, erwachen sie mühsam.

Sie gähnen und fletschen die Zähne.
Ein Spiel: wer hält wen an der Leine?
Beine, meine, deine, kreisen wie im Tanz.

Die Welt steht auf mit mir
und Ende glänzt
an allen Bruchstellen meines Misslingens.




ENDLICH!
Ist alles vorbei.
Wer mir sagen kann, auf welchen Text sich das Gedicht am Ende bezieht, gewinnt irgendwas.

Dienstag, 25. September 2012

Your Ship May Be Coming In





Ein Mädchen sitzt gebückt an einem viel zu kleinen Schreibtisch. Der viel zu kleine Schreibtisch duckt sich unter ein viel zu großes Fenster, an dessen Seiten zwei viel zu helle Vorhänge in kalten Windstößen, die den zaghaften Widerstand der viel zu dünnen Scheiben Glasscheiben und Fensterrahmen durchbrochen haben, tanzen.
Ihr Laptop nimmt fast die gesamte Schreibfläche ein. Sie sieht absurd riesig aus, wie sie so tief über die Tastatur gebeugt dasitzt. Sie schreibt und sie zittert und sie schreibt.
Ihre Füße sind nackt. Jedes Mal, wenn sie sie hochzieht, weg vom blanken Holzboden und auf die Sitzfläche des weiß-grauen Plastikstuhls, schwankt dieser bedenklich. Es fehlt eine wichtige Schraube an der Rückenlehne, deren Abwesenheit scheinbar die Gesamtkonstruktion in Gefahr bringt.

Alles an ihr und um sie ist in Bewegung, abgesehen von ihren statisch verkrümmten Schultern, ihrem steif nach vorne gereckten Nacken und ihrem verbissen-verspannten, erstarrt-gebannten Gesicht. Diese Körperpartien sind so völlig regungslos, dass sie nicht einmal mit ihrem restlichen Körper in den Luftzügen erschauern. Sie beobachtet die Worte, die den weißen Bildschirm verdunkeln. Ihre Füße in einem ewigen risikoreichen Wechselspiel zwischen Boden und Stuhl, ihre Finger verzaubert vom rhythmischen Trommeln ihres eigenen Tippens.

Manchmal zuckt eine ihrer Hände reflexartig zu ihren Beinen oder ihrem Bauch und sie kratzt brutal, hörbar, für wenige Sekunden über die weite blaue Stoffhose oder den dunkelgrünen Fleece Pullover knapp unterhalb der Brüste. Dann verzieht sie kurz den Mund und kneift die Augen zusammen, als würde sie in die Sonne blicken. Ihren linken Daumen hat sie weit abgestreckt, selbst beim Tippen. Wenn er trotz aller Vorsichtsmaßnahmen irgendetwas berührt, holt sie zischend Luft. Und stets nimmt sie einen Schluck aus der braunen Flasche.

Das Tageslicht, das sich erst mühsam durch die schottischen Wolken kämpfen musste, um die Szene einzufangen, schwindet. Im künstlichen Strahlen ihres Laptopbildschirms wirken ihre Augenringe fast schwarz.

Sie hat Augenringe, denen man geradezu ansieht, dass sie Gewicht haben. Du weißt schon, was ich meine. Diese Art von Augenringen, die wirklich geradezu fühlbar innen am Tränenkanal und außen am letzten Katzenwinkel des Augenlids aufgehängt sind, wie eine Hängematte. In die man achtlos alle Wünsche und Zukunft und leeren Bierflaschen werfen kann, und die sinken und knarzen und sich wiegen und biegen und die mich doch nicht im Stich lassen – sie halten. 

Und mit etwas Kaffee spüre ich selbst in so einer Nacht die Müdigkeit kaum. Und mit etwas Alkohol kann mich auch der Herbst nicht beißen. Ich starre die Worte an, die meinen Bildschirm füllen, und bei jedem  einzelnen Leerzeichen wandern meine Mundwinkel für Sekundenbruchteile um Millimeterstückchen nach oben und fallen sofort wieder. Und meine Gedanken, die sich wie ein Malstrom um meine beiden unabhängigen und unerklärlichen Hautausschläge sowie den pochenden Daumen, dem ich leider aus Versehen fast den Nagel abgenommen und dann halbherzig wieder angepflastert habe, kreisen, lösen sich langsam aus dem Sog und schwimmen, treiben, holen kurz Luft und tauchen wieder ab, und ich spüre wirklich fast gar nichts mehr, und so langsam frage ich mich, ob meine Augenlider nicht schon längst unter der Last nachgegeben haben aber eben einfach inzwischen genauso hell sind wie meine Vorhänge, und meine Hände, meine Hände, sie lieben ihr eigenes Trommeln so, und die braune Flasche fühlt sich so glatt und so leicht an, und das ist selten ein gutes Zeichen, und meine Schulter ist Treibholz, an das sich irgendwer klammert –

Sie schrickt auf und reißt die trägen trüben Augen auf, als ihr Mitbewohner sie an der Schulter packt und schüttelt. Er lacht über ihre Reaktion und stellt ihr eine volle Flasche Bier neben den Laptop. Seufzend nimmt sie einen tiefen kühlen Schluck. Seine Warnung, nicht mehr zu lange zu machen heute Nacht, ist Meeresrauschen, und ich stürze mich zurück in die Fluten.


So lange schon gefangen
im Vergehen.
Vergangenem vergebend,
nie er- und stets nur lebend.

Zu lange schon stehst du zum Sprung geduckt,
verharrt in hauchzarter Ironie vergessener Gesten.
Sprachen, unbegriffen: Laute und Formen.

Die Gegenwart
ist Lyrik
reiner Reime.
Deine, meine, einerlei: eine

oder einer muss
ausbrechen
nach vorne.



Anmerkung: Dies ist eine Fingerübung in sprachlicher Kameraführung und ein spontaner kleiner Beitrag für einen Freund. Falls du das liest: I'll go out fighting all of 'em. Danke.

Und Ben: der Schmerz muss noch ein wenig warten. Aber er kommt. (Immer.)

Freitag, 29. Juni 2012

The Paradoxes of Time Travel





Die Plätze sind gut, zweifelsohne. Erste Reihe, direkt vor der Bühne. Würde ich mich aus dem schmalen blassgrünen Plastikstuhl erheben und einen langen Schritt nach vorne wagen, könnte ich die Tennisschuhe des Schauspielers anfassen.
Ich tue nichts dergleichen.
Ich betrachte das Geschehen auf der Bühne und versuche zu verstehen. Das Stück scheint seltsam vertraut, nicht wie etwas, das ich schon einmal gesehen habe, sondern eher wie etwas, von dem mir erzählt wurde oder von dem ich gelesen habe. Es stört mich, dass ich nicht weiß, was für ein Stück es ist; nicht nur, weil ich keine Ahnung habe wie lang ich schon hier bin und warum und was hier überhaupt ist. Es stört mich so wie es mich immer stört, wenn ich mich nicht daran erinnern kann, wie ein bestimmter Schauspieler heißt oder in welchem Film er war. Das Programmheft in meiner Hand, das ich erst jetzt bemerke, erlöst mich: Infinite Jest. Unendlicher Spaß. Nun betritt auch Madame Psychosis die Bühne, durch die ich das Stück sofort erkannt hätte, aber vermutlich betritt sie die Bühne eher weil ich das Stück endlich erkannt habe.

Die Plätze sind nicht wirklich mittig sondern ziemlich weit rechts, vielleicht gar nicht so gut, wie ich anfangs dachte. Ich kann nicht sagen, wie weit rechts wir uns befinden, denn wenn ich den Kopf vorsichtig nach rechts drehe, sehe ich fast nur Schatten: gerade so kann ich den Kopf und Oberkörper eines dunkelhaarigen, dünnen Mannes ausmachen, der vielleicht einen schmalen Schnurrbart trägt und der scheinbar gefesselt ist vom Geschehen auf der Bühne – ich kann seine Augen nicht erkennen aber er bewegt sich nicht. Hinter ihm wird es so dunkel, dass ich mich fragen muss, ob das Publikum absichtlich so ausgeleuchtet wurde und wenn ja, welche Rolle es in diesem Stück spielt.

Warum denke ich ständig an "Plätze", Plural? Ich bin nicht allein hier. Ich habe plötzlich Angst, nach links zu schauen. Vielleicht nicht wirklich Angst sondern eher Nervosität. Vorfreude?
Im Gegensatz zu der statischen, düsteren und unnahbaren Puppe zu meiner Rechten ist jemand links neben mir, das fühle ich. Mein linkes Bein berührt sein rechtes, ich kann den rauen Stoff seiner ausgewaschenen hellen Jeans durch meine schwarze Strumpfhose hindurch fühlen. Meine freie Hand, die kein Programmheft hält, liegt auf meinem Bein knapp unterhalb des Knies, die meines Sitznachbarn ebenfalls. Sein Bein ist etwas länger, sodass meine Seite wie ein geschrumpftes, verzerrtes Spiegelbild aussieht. Meine Zeige- und Mittelfinger berühren seinen kleinen- und Ringfinger.
Ich versuche ihn unauffällig von der Seite anzusehen, doch er dreht sofort den Kopf, lächelt und flüstert einen verschwörerischen Kommentar über das Stück, den ich leider nicht verstehe. Sein Gesicht ist so vertraut wie das eines Freundes und ich kann es schneller zuordnen als das Stück, doch ich kann es nicht glauben.
Der Dreitagebart sowie die schulterlangen braunen Haare sind durchzogen von vereinzelten grauen Strähnen, die sein Haar heller erscheinen lassen, als es ist. Die Augen dafür umso dunkler, eingefasst in ein perfektes Oval von Braungrau.

Es ist das Jahr 2005 und ich sitze in einer englischen Inszenierung von Infinite Jest mit David Foster Wallace, dem Autor des Romans.
Soweit ich weiß gibt es selbst in 2012 noch keine englische Theaterfassung von Infinite Jest und auch die deutsche Version kann kaum älter sein als 2011.
David Foster Wallace sagt schon wieder etwas, das ich nicht verstehe, und ohne es auch nur zu versuchen weiß ich, dass ich nichts antworten kann. Obwohl ich keine Worte ausmachen kann höre ich doch die Sanftheit, die kaum merklichen Hebungen und Senkungen, die Ruhe, die in seiner Stimme – die seine Stimme ist.
Ich starre ihn nun wirklich an, ungehemmt, die Bühne ist vergessen, es scheint ihn nicht zu stören. Er lächelt. Kurzzeitig verschwimmt sein Gesicht und seine Haare und sein Bart werden heller, silbern, und er ist nun jemand, den ich tatsächlich kenne und der wichtig für mich ist, doch bevor ich diesen anderen Mann fassen kann ist er schon wieder David Foster Wallace, lächelnd, sanft.

Ich höre seinem singenden Flüstern zu, ohne zu verstehen, ohne etwas erwidern zu können, und ich betrachte Madame Psychosis auf der Bühne, die ich so gut verstehe und die ununterbrochen „Sixty Minutes More Or Less With Madame Psychosis“ haucht und plötzlich verstehe ich, was mich erwartet, besser noch was ihn erwartet, ich verstehe alles bis ins letzte Detail, bis in die letzte Sekunde, und ich winde mich, und ich fühle mich weinen, nicht in diesem Traum sondern im Schlaf, denn ich weiß, dass ich nun hier sitzen muss, (Sixty Minutes More Or Less?), neben diesem Mann, den ich so verehre, ohne ihn zu kennen, sein unendliches Theaterstück verfolgend, stumm und taub, wissend, dass er sich in drei Jahren, in 2008, umbringen wird, und ich kann nichts tun.

Es ist 2012 und David Foster Wallace, der dieses Jahr 50 Jahre alt geworden wäre, hat sich vor vier Jahren umgebracht. Als ich aufwachte war mein Kissen feucht.


Du kannst immer, immer, immer
nur in die Zukunft reisen.
Du tust es mit jedem
Atemzug,
Wort,
Satz,
den du beendest.

Die Vergangenheiten,
deine
und die, die du stiehlst,
reisen mit dir.

Die Zeit ist ein Meer
und der Bug deines Schiffes
teilt es
in Vergangenheit und Zukunft,
und du treibst dazwischen,
doch es ist alles Wasser,

und selbst dieses Bild
ist nicht meines,
sondern das einer Frau,
die in meiner Vergangenheit einmal
mit mir sprach,
und in deren Vergangenheit ich
sicher nicht auftauche;
die nicht weiß, wer ich bin.