Es war das erste Mal, dass er ihr erlaubte, in seinen Notizen zu stöbern. Gebannt starrte sie auf die ungelenke Handschrift des 16jährigen, und sie stellte die Musik ab. Belle and Sebastian verstummten. I was happy for a day in 1975.
Ungläubig las sie den Text, den sie von einem Jungen seines Alters nie erwartet hätte, noch einmal. Dann betrachtete sie das Foto von ihm mit seinem Freund, das auf seinem Schreibtisch stand. Er, dessen Gesicht nichts als große dunkle Augen und volle Lippen war. Der andere, blasse Blonde, dessen skandinavisches Gesicht etwas Diabolisches hatte in all seiner durchsichtigen Schönheit.
Sie nahm sein Notizbuch und setzte sich zu ihm aufs Bett, den Kopf auf seine Schulter gelegt. Sie wusste dass er es nicht mochte, wenn sie ihm so nahe kam, doch seine Haare rochen wie das Fell ihrer Katze, sauber und nach Sommerstraße. Sie mochte das elektrische Knistern.
Nicht zum ersten Mal überlegte sie, was wäre wenn…
Doch es war anders. Alles, was sie heute oder jemals von ihm bekommen würde, waren diese Katzennächte, deren Spannung er hasste und sie liebte.
„Lies es mir vor“, bat sie ihn und legte ihm das geöffnete Buch auf die schmalen Jungenoberschenkel. Er nahm es, hielt es steif in der Hand und begann mit seiner dünnen, hohen Seidenstimme zu lesen.
Allein auf der Schaukel
durch die Nacht fliegend
halte ich plötzlich an und überlege
wie wär’s denn wenn ich
bei den Schwänen wäre und bei der Frau mit
den unkontrollierbaren Haaren
Aber weißt du, das kann ich nicht denn
mein Bruder ist Einzelkind.
Meine Eltern haben Jahre gebraucht um es zu merken.
Sie fragten den Arzt,
aber es war der aufgehängte Wissenschaftler, der
ihnen endlich Antworten gab.
Sie sprachen von seinem Haarnetz und seinem Kaugummi,
dass er sich so vor den Augen der Straßenecken fürchtete
mit all den fleischigen Straßenlaternen
als ob die gefährlich wären.
Rotlicht macht ihn gefährlich
mit einer Tonne Stahl im Bein.
Er strampelt wie ein Kind ohne
Eiscreme, was natürlich nicht die Antwort ist.
Es gibt keinen Grund dir zu erklären warum
mein Bruder Einzelkind ist.
Ich fragte ihn einmal
während er den
Eiffelturm
mitten in Paris bestieg
ich konnte ihn nicht hören
weil er flüsterte
wie eine Mundharmonika, die in der stillen
Hintergrundnacht unter roten Seidenvorhängen spielt.
In der Tiefe des Nachmittags
schrieb er auf meine Hand
Ich komme aus einer kleinen Wüste, versteckt
an einem unbekannten Ort.
Er sagte, dass Bücher ihm ins
Gesicht schlagen wenn es jemand erführe und
das mindeste, was ich tun konnte, war
meine Augen zu schließen.
Ich fuhr nach Indien in einem Boot und sah
die lange Kurve seines Rückens nicht
bevor ich ging.
Zehn Jahre später hatte er seine Hände abgeschnitten.
Entsetzen rannte durch die Straßen wie
Mäuse ohne Käse
ich schwamm zu seinem Hotel und schlug die Tür ein.
Da saß er, milchübergossen,
zitternd, während die Wände um uns einstürzten.
Der Blinde wollte sie nicht reparieren.
Also fragte ich ihn wegen seiner Hände
aber er sagte er habe jetzt einen Gips
und wenn ich es wirklich wissen wolle
sollte ich einfach in meinem Privatleben schauen.
Behäbig trank ich meinen Notfallwhisky.
Er lachte während dieser mir aus den Ohren fiel
und dann in meine Nase schlüpfte.
Ich fiel zu Boden mit rotierendem Kopf
wie ein Riesenrad vor Sonnenuntergang.
Als ich so dalag zeigte er auf einen riesigen
Finger und er sagte ich weiß wer
du bist und um deine gierigen Lügen.
Die Versuche, die du unternimmst, um dich
interessant
zu machen,
was du nie sein wirst.
Aber es ist mir egal.
Ich habe einen neue Geschichte zu erzählen,
all diese Klatschsüchtigen
deren Leben du zerstört hast
indem du meines zu einem Rauchvorhang gemacht hast.
Ich werde ihnen mit meiner bleiernen Sonnenbrille
und einem Schlauch in meiner Lunge sagen,
dass ich Jahre gebraucht habe um herauszufinden dass
mein Bruder Einzelkind ist.
Original von Michael Black
Übersetzung von mir
Notiz: Das Gedicht ist tatsächlich eine Übersetzung eines Textes meines Freundes Michael. Die Kurzgeschichte dazu hat nichts, aber auch rein gar nichts mit ihm als Person oder mit unserem Verhältnis im echten Leben zu tun und existiert nur in Wortwelten.
Montag, 14. März 2011
Dienstag, 8. März 2011
Die Wortgrenze
Die Wortgrenze in mir ist eine semipermeable Membran. Sie teilt mich vertikal durch die Mitte.
My left side is stiff like an old lady’s frown and as swift as a fish in a tank. My left side is still wearing too tight a gown with pistols at belt and at hand. Words aimlessly darting in foreign storms. Words shamelessly daring intimate norms. | Die Rechte ist schwer und geladen. Beschlagen mit Echtgold: Gewehr und gepanzerte Brust. Bewusst voll von ganz andern Werten. Worte müde Löwenjungen spielen in der Glut. Worte rüde Jägerlungen gurgeln blaues Blut. |
Sie laufen Hand in Hand, diese Seiten, und manchmal grinsen sie sich verschwörerisch zu. Doch wenn in the street of the sky night walks scattering poems (E. E. Cummings, the poems to come…, 10) and we will in den Sprachen beten, die wie Harfen eingeschnitten sind (E. Lasker-Schüler, Meine Wunder, Versöhnung) –
vor allem dann, wenn mein Körper is with your body. It is so quite a new thing. Muscles better and nerves more. (E. E. Cummings, the poems to come…, 15) –
and in particular when you are dunkel vor Gold – auf deinem Antlitz erwachen die Nächte der Liebenden. (E. Lasker-Schüler, Meine Wunder, Kete Parsenow) –
immer dann biegt und ächzt die Membran unter dem Druck der wilden Worte und die Wortgrenze zittert im offenen Feuer fliegender Patronen. (Und ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube manchmal stirbt sie sogar einen petite mort.)
Labels:
e. e. cummings,
Else Lasker-Schüler,
Grenzen,
Über-setzen
Freitag, 4. März 2011
Von den Nächten
Sie schrie als sie sich das kochende Wasser mit zitternden Händen schwungvoll von der Tasse mit Instantkaffeepulver über die Küchentheke und auf den Fuß goss. Schnell hielt sie sich selbst den Mund zu, stellte den Wasserkocher ab und sprang auf einem Bein zur Spüle, schwang das andere Bein in das Waschbecken und ließ sich kaltes Wasser über den Fuß laufen ohne den Strumpf auszuziehen. Schwankend hielt sie sich eine Weile an der Küchenplatte fest und murmelte: „Das Gute ist: es tut erst morgen weh.“ Sie grinste in die dunkle Küche.
Tatsächlich spürte sie nur noch ein leises taubes Kribbeln im Fuß als sie das Wasser abdrehte, ihre halbleere Weinflasche griff und einen tiefen Schluck nahm. Besorgt überlegte sie ob ihr Schrei wohl ihre Mitbewohner aufgeweckt hatte, dann verlor sie den Gedanken über ein weitaus wichtigeres Problem: ihre randvolle Tasse wässrigen Kaffees.
Sie seufzte, goss vorsichtig ein wenig der braunen Flüssigkeit in den Ausguss und rührte zwei Extralöffel Kaffeepulver ein. „Just for good measure.“
Sie stolperte mit Kaffee und Wein bewaffnet und feuchte Fußabdrücke auf dem Parkettboden hinterlassend ins Wohnzimmer, wo ihr Laptop wartete. Er zeigte ein geöffnetes Word Dokument und 05:23 Uhr. Sie hatte keine Ahnung wo die letzten drei oder vier Stunden geblieben waren. Im Grunde genommen hatte sie keine Ahnung wo die letzten drei oder vier Nächte geblieben waren. Sie vermutete einen Zusammenhang zwischen den beiden weißen Flecken in ihrer Erinnerung und machte sich eine Notiz auf den Handrücken, die sie daran erinnern sollte der Sache nachzugehen sobald sie den Essay fertig geschrieben, abgegeben und endlich einmal wieder geschlafen hatte.
Sie nahm einen tiefen Schluck Kaffee und verbrannte sich die Lippen. (Das Gute ist: es tut erst morgen weh.) „Es wurde gezeigt, dass die Ästhetik der Schlaflosigkeit für Nietzsche…“ begann sie ihre Zusammenfassung. Das regelmäßige Klicken der Tastatur sollte für die nächsten paar Stunden das einzige Geräusch in der sich langsam erhellenden Wohnung bleiben.
Sie hatte ihre Mitbewohner nicht aufgeweckt.
(Sie fanden sie gegen Nachmittag auf dem Sofa. Ihr Laptop zeigte das online eingereichte Dokument, das volle Punktzahl und eine hervorragende Rezension bekommen sollte, und 16:23 Uhr. Dort, wo ihre Füße lagen, waren blassbraune Flecken auf der hellen Couch und auf ihrem Handrücken stand: „Zeit finden“.)
Die Nächte sind geschmolzen,
sie schwappen schwarz über Tassenränder
während ich Treppen steige.
Sie schmecken natürlich bitter.
Aber das geht schon, mit etwas Milch
fällt mir das Schlucken leichter und
es sieht schon fast aus wie Tag oder zumindest
Zwielicht.
Schwarze Meere, die ich verschütte
oder trinke und verdaue, voller
unbekannter Lichter und schleimiger Häute,
die meine Füße streifen.
Ich bin ein guter Schwimmer.
Ich bin ein noch besserer Trinker.
Das geht schon, mit etwas Mut
und überhaupt sieht es schon fast aus wie -
also diese ganze Sache mit den Nächten und
dem Kaffee und dem Meer, das sieht fast aus wie
ein Spiegel, der mir andere Menschen zeigt,
immer und immer wieder.
Tatsächlich spürte sie nur noch ein leises taubes Kribbeln im Fuß als sie das Wasser abdrehte, ihre halbleere Weinflasche griff und einen tiefen Schluck nahm. Besorgt überlegte sie ob ihr Schrei wohl ihre Mitbewohner aufgeweckt hatte, dann verlor sie den Gedanken über ein weitaus wichtigeres Problem: ihre randvolle Tasse wässrigen Kaffees.
Sie seufzte, goss vorsichtig ein wenig der braunen Flüssigkeit in den Ausguss und rührte zwei Extralöffel Kaffeepulver ein. „Just for good measure.“
Sie stolperte mit Kaffee und Wein bewaffnet und feuchte Fußabdrücke auf dem Parkettboden hinterlassend ins Wohnzimmer, wo ihr Laptop wartete. Er zeigte ein geöffnetes Word Dokument und 05:23 Uhr. Sie hatte keine Ahnung wo die letzten drei oder vier Stunden geblieben waren. Im Grunde genommen hatte sie keine Ahnung wo die letzten drei oder vier Nächte geblieben waren. Sie vermutete einen Zusammenhang zwischen den beiden weißen Flecken in ihrer Erinnerung und machte sich eine Notiz auf den Handrücken, die sie daran erinnern sollte der Sache nachzugehen sobald sie den Essay fertig geschrieben, abgegeben und endlich einmal wieder geschlafen hatte.
Sie nahm einen tiefen Schluck Kaffee und verbrannte sich die Lippen. (Das Gute ist: es tut erst morgen weh.) „Es wurde gezeigt, dass die Ästhetik der Schlaflosigkeit für Nietzsche…“ begann sie ihre Zusammenfassung. Das regelmäßige Klicken der Tastatur sollte für die nächsten paar Stunden das einzige Geräusch in der sich langsam erhellenden Wohnung bleiben.
Sie hatte ihre Mitbewohner nicht aufgeweckt.
(Sie fanden sie gegen Nachmittag auf dem Sofa. Ihr Laptop zeigte das online eingereichte Dokument, das volle Punktzahl und eine hervorragende Rezension bekommen sollte, und 16:23 Uhr. Dort, wo ihre Füße lagen, waren blassbraune Flecken auf der hellen Couch und auf ihrem Handrücken stand: „Zeit finden“.)
Die Nächte sind geschmolzen,
sie schwappen schwarz über Tassenränder
während ich Treppen steige.
Sie schmecken natürlich bitter.
Aber das geht schon, mit etwas Milch
fällt mir das Schlucken leichter und
es sieht schon fast aus wie Tag oder zumindest
Zwielicht.
Schwarze Meere, die ich verschütte
oder trinke und verdaue, voller
unbekannter Lichter und schleimiger Häute,
die meine Füße streifen.
Ich bin ein guter Schwimmer.
Ich bin ein noch besserer Trinker.
Das geht schon, mit etwas Mut
und überhaupt sieht es schon fast aus wie -
also diese ganze Sache mit den Nächten und
dem Kaffee und dem Meer, das sieht fast aus wie
ein Spiegel, der mir andere Menschen zeigt,
immer und immer wieder.
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